Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
1011
Einzelbild herunterladen
 

1011

Geschlechter,

sich von allgemeinen Grundsätzen leiten, nach welchem er das Rechte zu schaffen sucht,wogegen das Weib, von ihrem natürlichen Gefühl für das Rechte geleitet, sich an dieNächstliegenden Aufgaben hält und darauf bedacht ist, daß das Gute auch angemessenund schön geschehe, damit die weibliche Empfänglichkeit es sich als etwas übereinstim-mendes aneignen könne, und so sucht das Weib, während die Thätigkeit des Mannesneuschaffend über die herrschende Sitte hinausgeht, vielmehr die Herrschaft der Sittezu erhalten und zu begründen (»Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte."Goethe im Tasso). In Bezug auf das leibliche Leben kommt dem Manne dieKraft zu, und es steht ihm an, für einen bestimmten Zweck bestimmte Organe zeitweiseeinseitig anzustrengcn und dann in längerer Ruhe und Erholung ihre Kräfte sich wiedersammeln zu lassen; dagegen fordert die Anmuth, welche im Unterschied von dem starkenGeschlechts das Vorrecht des schönen ist, daß die verschiedenen Functionen in einer ge-wißen stetigen Gleichmäßigkeit harmonisch wirksam sind, wodurch das Weib zu ruhigerAusdauer in höherem Grade fähig wird. Das beiderseitige Verhältnis zum Besitzeist im wesentlichen durch das Wort Kant's (a. a. O. S. 345) charakterisirt: „desMannes Wirthschaft ist Erwerben, die des Weibes Sparen." Und was endlich dieForm der Nationalität anlangt als einer gleichfalls notwendigen eigentümlichenErscheinungsform des Allgenreinmenschlichen, so ist es die Aufgabe des Mannes, sichder eigenen nationalen Eigentümlichkeit im Unterschiede von anderen bewußt zu werden,in diesem Bewußtsein sie zu behaupten und die großen nationalen Zwecke zu verfolgen;aber in dem Weibe stellt sich die nationale Eigentümlichkeit unmittelbar und imganzen noch deutlicher dar, als in dem Manne, weil es eben auch von der natürlichenGrundlage der Volkstümlichkeit sich weniger losmachen kann. Auf die bürgerlicheund religiöse Gemeinschaft als solche wirkt nur die Selbstthätigkeit des Mannes un-mittelbar ein, aber auch in dieser Beziehung ist die Einwirkung der Frauen, wie soviele epochemachenden Ereignisse in der äußeren und inneren Geschichte der Menschheitbeweisen, sehr bedeutsam, „namentlich durch den billigen und in der Natur der ehe-lichen Verbindung gegründeten Einfluß, den sie auf ihre Männer haben" (Fichte,a- a. O. S. 217). Das Weib übt auf die ursprünglichste Gemeinschaft, auf dieFamilie, den intensivsten Einfluß, und da in dieser auch die bürgerliche und die reli-giöse Gemeinschaft wurzeln, so kann es nicht fehlen, daß die weibliche Einwirkung vondort ans auch auf diese Gemeinschaften sich verbreitet. Insbesondere im Gebiete derReligion gilt zwar in Bezug auf kirchliche Lehre und Organisation fortwährend dasmeüior taoont in sooiosiu; in Bezug auf die erste Anregung und Begründung des reli-giösen Lebens in der Heranwachsenden Generation aber ist der weibliche, insbesondereder mütterliche Einfluß von der höchsten Bedeutung. Vgl. in dieser besonder« Be-ziehung: Neander über den Einfluß frommer Mütter, in seinen Denkwürdigkeiten.II. Berlin. 1823. S. 66—88. I. P. Lange, Uebcr den Autheil des weiblichenGeschlechts an der Entwicklung und der Geschichte der christlichen Kirche, Protest. Monats-blätter, 1858, S. 87—122, und dazu H. Merz, Christi. Frauenbilder. 2. Ausl.Stuttg. 1855. Burk, Spiegel edler Pfarrfrauen. Stuttg. 1855.

Wir dürfen nach diesem allen zusammenfassend sagen: der Mann entspricht seinerBestimmung vorzugsweise durch das, was er thut, das Weib durch das, was es inseinem gesammten Wesen ist. An dem Manu schätzen wir die bestimmte Leistung unddas bestimmte Talent, welches ihn dazu befähigt; bei dem Weibe aber kann dasreichste und in glänzenden Leistungen bewährte Talent, kann selbst die bewunderungs-würdigste Seelen stärke für den Mangel an jener alle einzelnen Lebensregungen zu-sammenhaltenden Innigkeit des Gemüthes und an jener Schönheit der Seelenicht entschädigen, welche das Unangemessene von selbst von sich fernhält und das An-gemessene als lebendiges Element einer harmonischen Gesammtbildung sich aneignet,unk n„s welcher der eigenthümliche Reiz edler Weiblichkeit eigentlich beruht.*) Eben

nberg a. a. O. S. 40: „In Lucianen und Ottilien (in Goethe's Wahlver-..ist eine unweibliche Bildung einer echt weiblichen entgegengestellt. LucianenS Geist