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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
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sich selbst scharf zu beobachten und harte Wahrheiten, die man ihm sagte, gelassen auf-znnehmen. Besonders empfänglich erwies er sich für religiöse Unterweisung, aus derer bald auch starke Motive zur Abwehr des Bösen wie zur Kräftigung im Guten ab-lcitete.

Es versteht sich von selbst, daß der Unterricht im weiteren Fortschreiten auch indie Geographie und Geschichte einführte und dabei wurde das Land, dessen Regent derPrinz einst werden sollte, besonders genau behandelt, obwohl es gerade hier an passen-den Hülfsmitteln sehr fehlte. Allmählich erhob sich der Unterricht auch zu philosophi-schen Betrachtungen. Doch ließ sich hierbei Foiwlon auf hohe Speculationen nicht ein;was er darbot, das sollte Zusammenhang in die schon erworbenen Kenntnisse bringen,an folgerichtiges Denken gewöhnen, ein freieres Ueberschauen der Gebiete des Wissensund des Lebens möglich machen, neue Bahnen und Ziele zeigen. Der Gang des Unter-richts scheint einen historischen Charakter gehabt zu haben. Es sollte dem Prinzen zumBewußtsein kommen, wie die großen Verirrungen der alten Philosophen nicht eigentlichVerirrungen der Vernunft, sondern des über die von Gott gesetzten Schranken hinweg-strcbenden Stolzes gewesen sind, wie sie aber doch alle in großen Wahrheiten zusammen-getroffen, obwohl freilich auch die edelsten dem sittlichen Leben nur schwache Stützenund Antriebe zu gewähren vermocht. Von hier aus war wieder ein Uebergang zu tie-ferer Würdigung des Christenthums leicht, und es scheint, daß der Prinz, zu größererSelbstthätigkeit gelangt, bei aller Bereitwilligkeit, das von der Auctorität der Kirche ihn:Vorgehaltene gelten zu lassen, doch auch schärfer eindringeudes Verständnis verlangte,das Fönolon wohl besonders durch historisch-apologetische Darstellungen (vgl. die Briefeüber verschiedene Gegenstände der Metaphysik und Religion) zu vermitteln strebte.

Indem er aber seinen Zögling, dessen Wahrheitssinn sich immer lebendiger ent-wickelte, zu diesen Höhen der Erkenntnis emporleitete, suchte er ihn auch auf dem Ge-biete der schönen Künste heimisch zu machen. Er selbst hatte sich, namentlich im Ver-kehre mit dem Maler Mignard, der oft in Versailles sich aufhielt, tiefere Einsicht indie Grundgesetze der Kunst und über die eigenthümlichen Unterschiede der alten und derneuen Meister zu verschaffen gesucht, und wie er nun den Prinzen in die Welt desSchönen einzuführen wußte, das zeigen z. B. die beiden Todtengespräche, in denen erPoussin einmal mit Parrhasius, dann mit Leonardo da Vinci sich unterhalten läßt.

Von besonderem Interesse ist freilich immer die Art, wie er die elastische Literatursiudirt hatte und für den Unterricht benützte. Er kannte die griechische Literatur inziemlicher Ausdehnung, und es ist bezeichnend für ihn, daß er an Homer das höchsteWohlgefallen fand und über ihn nur die Poesie des Alten Testaments stellen mochte,wahrend er, sehr im Widerspruche mit den Gelehrten seiner Zeit, Virgil weit hinterjenen zurücktreten ließ. Zu verwundern ist es dann nicht, daß er unter den Tragikernbesondere Vorliebe für Sophokles hatte, dem er auch vor den gepriesenen Dramatikernseiner Zeit entschieden den Vorzug gab. Eben so erschien ihm die Beredsamkeit seinerZeit in großem Abstande von den Leistungen der alten Redner, und vor Demosthenesmußten ihm auch Bourdaloue, Bossuet und Massillon weichen. Den Historikern derGriechen scheint er mindere Theilnahme zngewendet zu haben. Unter den Lateinernschätzte er am meisten Cicero, und während er für die Schwächen seiner Reden einscharfes Auge hatte, waren seine rhetorischen Schriften für ihn Gegenstand des fleißigstenStudiums. Virgil setzte er freilich unter Homer; aber die eigenthümlichen Vorzügedesselben erkannte er dabei lebhaft an, und so hatte er auch an Horaz seine Freude.Die römischen Historiker waren ihm genau bekannt. Aber wie ausgebreitet auch seineBekanntschaft mit der elastischen Literatur war, so wenig war er geneigt, in: Unter-richte den Kreis dieser Studien planlos auszudehnen; ja er hat keinen Anstand genom-men zu erklären, daß das elastische Alterthum, obgleich es eine durch Jahrhundertefortgehende Entwicklung darstelle, im Grunde doch nur wenige wahrhaft mustergültigeWerke hervorgebracht habe. Uebrigens hatte er dies mit allen Kunstrichtern jener Zeitengemein, daß er in den Classikern vorzugsweise ihre formalen Schönheiten aufsuchte, die