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Familie, Familiengcist, Familiensinn.
Was ist nun zu thun, um solchen Familiensinn zu pflegen und großzuziehen inder Weise, in welcher wir ihn als Tugend anzuerkennen haben?
n) In erster Linie wäre hier alles das wieder aufzuzählen, was oben schon unterZiff. 1 genannt wurde als erforderlich, damit das Familienleben seine sittliche Wirkungüberhaupt ausübe. Denn alles, was hiezu dient, macht dem Sohne auch die Heimatlieb; und was ihm dieselbe lieb macht, das weckt und nährt auch den Familiensinn inihm. Zum Bewußtsein kommt ihm dies in der Regel erst durch eine zeitweilige Ent-fernung vom Elternhause; nie mehr als in seinen Ferien empfindet er, was es istum die Heimat. Zieht es ihn, wenn solche Zeiten der Freiheit kommen, nicht mitaller Macht nach der Heimat, so muß in ihm oder in dieser etwas nicht sein, wie essein sollte.
b) Speciell aber wirkt es in obengenannter Richtung sehr gut, wenn die Elternvon ihren Eltern und Großeltern den Kindern fleißig zu erzählen wissen; wenn sie mitEhrerbietung von ihnen reden, und das Bild derselben in einzelnen lebendigen Zügenihnen vergegenwärtigen. Hiefür sind Familienbildnisse — mehr nach dem Maß ihrerTreue als nach ihrem absoluten Kunstwerth — sehr erwünscht; wie nicht minder, wasRiehl a. a. O. S. 263 so dringend empfiehlt, die Anlegung von Familienchroniken,wie sie die Väter einst auf etliche der Hausbibel beigebundene Blätter eintrugen, einezweckdienliche Herstellung alter Sitte wäre. Riehl sagt a. a. O. S. 261 treffend gegendas moderne Auseinanderfallen der Familie: „Unsre Väter haben sich emancipirt vonder Kleinstädterei, und wir müßcn uns von der Großstädterei emancipiren. Selbst inden begütertsten, gebildetsten Bürgerkreisen wissen ja die meisten Leute nicht einmal mehr,wer und was ihr Urgroßvater war. Das wäre ja ganz bäuerisch, noch etwas vom Ur-großvater zu wissen." In der Hauptsache sind wir hiemit einverstanden, nur glaubenwir, daß damit dem Bauernstände zu viel gutes zugetraut wird; von Ehni und Ahnewird wohl den Enkeln noch erzählt, die Einförmigkeit eines zwar thätigen, aber thatcn-losen Lebens macht es jedoch kaum möglich, daß sich eine Familiengeschichte bildet undforterbt. Das aber ist und bleibt richtig: von Großvater und Urgroßvater nichts wissenzu wollen, selbst Vater und Mutter lieber zu vergessen, da sie ja noch nicht auf derHöhe der Zeitbildung standen, das ist proletarisch, darin verräth sich der echte Bummler-sinn, der in seinem windigen Selbstbewußtsein alles Gedächtnis und alle Pietät aus-gelöscht hat.*)
o) Riehl macht a. a. O. ebenfalls mit Recht darauf aufmerksam, daß sich derFamiliensinn auch an die der Familie zugehörigen Realitäten, an Haus und Hausrath,an Kirchcnstühle und Gräber knüpfe; die Gleichgültigkeit, mit der die moderne Weltnach amerikanischer Art eine Wohnung verläßt, Garten und Möbel veräußert, hat eben-falls etwas stark plebejisches, etwas käsekrämerhaftes, da alles, auch was von Vater undMutter stammt, nichts als eine Waare ist, nur so viel werth, als man Geld damit
*) Vilmar (Schulreden über Fragen der Zeit S. 83 f.) führt in dieser Beziehung aus, wiees zunächst darauf ankomme, daß man dem Kinde von den früheren Jahren seines Daseins aneine Geschichte seines eigenen Lebens gebe, daß die Eltern und Erzieher sich mit dem Kinde in diebedeutenden oder unbedeutenden Ereignisse seines Lebens vertiefen und es in denselben das Bedeu-tende und Große finden oder vielmehr ahnen lehren; es sei aber keines Kindes Leben völlig arman wahrhaft bedeutenden Ereignissen, ob es nun in die brechenden Augen der Mutter geschaut oderdie erkaltende Hand des Vaters ergriffen, oder den Vater, die Mutter hat beten sehen oder hörenaus der Fülle eines tiefbewegten Herzens; solche Begebenheiten sollen festgehalten und zu Denk-steinen gemacht werden in dem Leben des Kindes, indem man auch von dem Schmerzlichen mit ihmredet. Aber auch das äußerlich Gewöhnlichere könne zu einem Erlebnis gemacht werden; die Ju-gendschriftsteller der Philanthropie haben sich darauf verstanden, die alltäglichen Begebenheiten zueigentlichen Geschichten zu machen, sie haben uns erweckt, in unserem Alltagsleben Äehnliches auf-zufinden und so sei unsere Fähigkeit zu erleben und zu erfahren belebt, erweitert und bis in dasMannesalter erhalten worden. Vgl. auch die treffliche Rede „Bonden Weltmenschen und den Haus-menschen* a. a. O. S. 23 ff. Schmiv-