Eigenheiten.
Eigensinn.
141
Eigenheiten sind Besonderheiten im Empfinden und Benehmen eines Individuums,welche theils unmittelbar aus einer Naturbeschaffenheit, — Jndiosynkrasien z. B. gegen-über von gewissen Farben, Tönen, Thieren, auch Menschen (vgl. d. Art. Abneigung) —theils aus einer Familien- oder Stammesdisposition hervorgehen, theils als Reflexe undAusläufer seiner Eigenthümlichkeit (vgl. Charakter), obwohl in einem mehr oder weni-ger zufälligen Zusammenhang mit dieser an den Tag treten: denn man kann sich voneinem Menschen gar wohl seine Eigenheiten hinwegdenken, ohne dabei seiner Eigen-thümlichkeit zu nahe zu treten, während vielmehr diese, wenn jene sich zu Sonderbar-keiten versesten, entstellt und verzerrt wird. — Bei Kindern treten sie theils vorüber-gehend auf, wie beim Zahnen und schnelleren Wachsthum, oder indem sie Krankheits-Perioden vorausverkündigen, begleiten, nachtönen; die Gährungen und Stürme im Or-ganismus während des Uebergangs aus der Kindheit zur Jugend treiben häufig Eigen-heiten auf die Oberfläche. Diese alle sind aber zu unterscheiden von solchen, die alsErzeugnisse eines habituellen Eigensinns und einer grillenhaften Absichtlichkeit erscheinen.Erstern muß mit Schonung und oftmals auf Umwegen mittelst einer dem Gemüths-leben zu machenden Diversion entgegengewirkt werden, letztere darf man nicht duldenund hat sie nötigenfalls mit beharrlicher Strenge niederzukämpsen; denn sie sind Wasser-schosse, nicht Fruchtzweige, und eher vergeudet sich in ihnen das individuelle Leben, alsdaß es durch sie zur Entfaltung gelangte. Zuweilen treten an sich gute Eigenschaftenin Gestalt von Eigenheiten auf: es giebt z. B. pedantisch-lerneifrige, übertrieben aufReinlichkeit und Ordnung haltende Kinder. Hier darf man nicht mit herben Mittelnnoch mit Spott kommen, um nicht das Kind selbst zu verletzen, indem inan nach seinenMücken schlägt. — Jrrthum ist es, hinter Eigenheiten Genialität zu wittern; man ver-zeiht sie vielleicht dem Genie, aber sie constituiren es nicht, und vollends Eigenheitennachmachen ist kindisch, obwohl es bei Leuten gestandenen Alters z. B. in Philosophen-schulen oder bei den Generalen Alexanders Vorkommen mag. — Die Erfahrung zeigt,daß einer seinen Mitmenschen durch Eigenheiten oft selbst noch widerlicher wird, alsdurch wirkliche Untugenden, daher jene eine üble Beigabe fürs Fortkommen sir der Weltzu sein pflegen und eine weiche Erziehung in dieser Hinsicht oft eine herbe Lebensschulezur Vervollständigung der Bildung nach sich zieht. Andererseits kommt das Sichereiferngegen die Eigenheiten anderer, mit welchen wir umgehen, wobei wir die eigenen über-sehen, aus Mangel an Selbstkenntnis und Liebe; gegenüber von kleinen Marotten unseresNächsten möchte sich wohl Sterne's Rath empfehlen: „Laß doch einen jeden auf seinemSteckenpferde die Straßen der Stadt auf und nieder reiten: wenn er dich nur nichtnöthigt hinten aufzusitzen." Aber es giebt andere, da diese Regel menschenfreundlicherKlugheit nicht zureicht, sondern welche unsererseits eine Uebung in der Selbstüberwindungd. h. in der Ueberwindung unserer eigensten Eigenheit voraussetzen, um dein Spruch desApostels (Röm. 15) nachzukommen: »Wir, die wir stark sind, sollen der SchwachenGebrechlichkeit tragen, und nicht Gefallen an uns selber haben." A. Haubcr.Eigenliebe, s. Selbstgefühl.
Eigensinn ist Opposition gegen das was der allgemeine Sinn billigt oder fordert,und kann theils in einzelnen Fällen sich geltend machen, wo er als Caprice, als Launeauftritt, theils nimmt er, zum Habitus verfestet, seine abnorme Stellung ein. Im Worteselbst liegt, daß solches mit einer gewitzen Ueberlegung geschieht; nicht bloß ein Natur-drang des Begehrungsvermögens ist hiebei im Spiel, sondern es ist in der Regel derKopf dabei betheiligt, wie man denn von einein recht eigensinnigen Menschen sagt, erwolle mit dem Kopfe durch die Wand.
Irrige Vorstellungen über Rechte und Pflichten nähren ihn und entspringen ausihn:, mangelhafte Erkenntnis leistet ihm Vorschub. In letzterer Beziehung tritt erhäufig als eine Kinderkrankheit auf, welcher durch Belehrung zu begegnen nöthig ist;hilft aber das Wort nicht, so muß ein fester Widerstand dein eigenen Sinne zeigen, daßeine Wand da ist, die er nicht durchdringen kann, nämlich die Macht des vernünftigenSinnes und Willens.