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Ehrlichkeit.
lebhaften Knaben eine Art vvn Unwahrheit, die aus der Phantasie stammt, ein so zusagen poetisches Lügen. Wer sieht in die Entwicklung und Anseinanderwicklnng der imkindlichen Geist auftauchenden Bilder und Gedanken hinein? Wissen wir Alten doch fastgar nichts mehr aus der Zeit, da wir selbst im Traum der Kindheit, im HalbwachenZustand beim Uebergang zum klaren Selbstbewußtsein uns befanden. Nicht jede Un-wahrheit ist hier als Lüge zu behandeln, aber dem lebhaften Kind ist desto gewißerBeschäftigung mit Reellem zu geben, und es ist zu sorgen, daß es einen Unterschiedmache zwischen dem Spiel mit Puppen, die der freien Herrschaft seiner Phantasie über-antwortet sind, und zwischen dem, was es mit Menschen redet. — An: häufigsten irrenJüngere von der Wahrheit ab, wenn sie Hergänge erzählen sollen, wobei sie selbst lei-denschaftlich betheiligt waren, z. B. Händel mit Kameraden, oder eine Züchtigung vomLehrer; hier pflegt jeder sich selbst unschuldig zu wissen, nicht nothwendig aus Bosheit,sondern meist aus gestörter Auffassung, und desto gewißer, wenn man daheim ihm denKopf hebt. Was nun jene Händel betrifft, so läßt sich in der Regel nicht entwirren,wie und wie viel jeder Recht oder Unrecht hatte, und ist auch meistens nicht nöthig,sondern besser, wenig Gehör geben und den Klagenden sich mit dem begnügen heißen,das er empfangen habe; Lehrerzüchtigungen aber, wenn sie auch verdient waren, Weckendurch Uebermaß das Bewußtsein relativer Unschuld, das sich in der Einbildung zu demder positiven steigert, wirken also dem Zweck wie der wahren Reue entgegen; gleichwohlaber ist von den Eltern der Lehrer zu vertheidigen und der Gezüchtigte zur Erkenntnisseiner Schuld zu bringen; wer aber seinen: Kind, das über gerechte Strafe klagend auf-tritt, Glauben schenkt und Recht giebt, der hilft ihm, den Lehrer, d. h. einen Miter-zieher, verleumden und schwächt sein eigenes Erziehen.
Indessen zur Rechtschaffenheit im Reden, — wozu man auch die in den Geberdenliegende Sprache rechnen darf, denn auch in ihnen stellt sich aufrichtiges oder unaufrich-tiges Wesen dar, und Salomo behauptet weislich, „wer mit den Augen winket, denketnichts gutes" — haben zwar die bisher genannten Mittel theils bildend theils heilendmitzuhelfen, allein das Wesentlichste muß auf anderem Wege kommen. Lügen ist Sündean sich und eine Consequenz der Sünde, denn diese webt sich aus jener die Schleier zuihrer Verhüllung, braucht sie als Schminke für ihre Häßlichkeit. Daher ist der Kampfgegen das Lügen nur ein symptomatisches Verfahren, das nicht zum Ziele führt, wennnicht zugleich und mit größerem Nachdruck der Sünde selbst entgegen und auf Reinigungdes Herzens und Lebens hingearbeitet wird. Es giebt keine Ehrlichkeit des Mundes ohneein ehrliches Herz und ohne ein ehrliches Thun. Der innere Spiegel des Geistes mußrein sein, von innen heraus und unbefleckt durch böse Werke, dann giebt er reineStrahlen von sich, und wer ist, wie er soll, der allein kann und will sich zeigen, wieer ist. Daher gehört die Rechtschaffenheit des Thuns der Rechtschaffenheit des Redensnicht an die Seite nur, sondern voran, damit ein ehrliches Wesen zustandekommt.
Jene Rechtschaffenheit des Thuns, die man unter Ehrlichkeit versteht, findet im ge-selligen Leben einen weiten Spielraum: allgemeine Aufrichtigkeit des Handelns, frei vonRänken und Hinterhältigkeit, Zuverläßigkeit und Worthalten, Bewahrung anvertrauterGeheimnisse, Treue gegen Freunde, Fernebleiben von zweideutigen Planen und verdäch-tigen Unternehmungen, von geheimen Verbindungen, kurz alles was hilft, daß manjedermann ins Angesicht sehen und von jedermann sich in sein Leben hineinsehen lassenkann. Grundsätzliches Mistrauen gegen die Menschen — im Unterschied von der durchErfahrung gewitzigten Vorsicht — verträgt sich kaum mit einem ehrlichen Sinn undfordert das Urtheil des Sprichworts heraus: „wer andere hinter dem Ofen sucht, istselbst dahinter gewesen." Mistrauen in junge Gemüther pflanzen heißt eher zur Uebungeigener als zur Entdeckung fremder Unredlichkeit Anleitung geben. Scherz verträgt sichwohl mit einem ehrlichen Gemüth, und Epaminondas, von dem gerühmt wird, er habenie auch nur zum Scherz eine Unwahrheit gesagt, muß nicht gerade hierin zum Idealgenommen sein, obwohl der Heide viele Christen, die im Ernst lügen, beschämen kann;aber andere zum Besten haben und auf Kosten Leichtgläubiger witzig sein, ist eine Ver-