Rußland, Elementarschulen und Lehrerbildung.
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schulunterricht brachte dem Schüler statt wirklicher Kenntnisse größtentheils bloße Defini-tionen, Worte, Namen und Zahlen ein, und die Lehrer, welche mit sehr beschränktenwissenschaftlichen Kenntnissen und ohne alle pädagogische Vorbildung ihre Stellen an-traten, dienten nur als Maschinen, welche in den Grenzen svorgeschriebenerss schlechterSchulbücher die Classen vorschriftsmäßig vorwärts brachten" (Beitr. 2,170). DieseUebelstände wurden noch dadurch verschlimmert, daß 1) dauernd eine große Anzahl vonLehrerstellen*) unbesetzt war, 2) infolge der zerrütteten Verhältnisse der Gutsbesitzer sichnur wenige Liebhaber zu dem Amte eines Ehreninspicienten **) fanden, 3) die Schul-bibliotheken meist in ungenügendem Zustande waren, also den Lehrern die Gelegenheit sichweiter zu bilden und den Schülern anregende Lectüre fehlte, und 4) die Zahl wie dieBeschaffenheit der Lehrhülfsmittel (der geographischen Karten u. s. w.) sehr viel zu wün-schen übrig ließ. — Ein allmähliches Besserwerden, namentlich ein Erwachen pädagogi-schen Geistes unter den Lehrern, war nach allen Berichten in den ersten Jahren des ver-gangenen Jahrzehnts unverkennbar; doch stimmten alle Sachverständigen darin überein,daß eine gründliche Reform nothwendig sei, und zwar eine Umgestaltung der Kreisschulenin den kleineren Städten zu zweiclassigen Pfarrschulcn, in den größeren zu Progymnasien.Ueber das Reformgesetz vom 31. Mai 1872 vgl. hernach (S. 475).
IV. Alexander II. und die Gegenwart. Die nunmehr fast 22 Jahre wäh-rende Regierung des Kaisers Alexander II. ist auch für die Verbreitung der Bildung inRußland von hoher Bedeutung bereits gewesen, und wird, wenn erst die Folgen der aufdiesem Gebiete gegenwärtig, soweit es auf die gesetzgeberische Thätigkeit ankommt, imwesentlichen***) abgeschlossenen Reformen deutlicher hervortreten, der Einfluß dieses Herr-schers auf die Bildungsverhältuisse seines Reiches noch mehr als schon jetzt Epochemachend genannt werden müßen. Eine Geschichte der russischen Universitäten ist durchdm Plan der Encyklopädie ausgeschlossen, über die Gymnasien und die Realschulen istS. 1—392 eingehend berichtet: im Folgenden wird der Versuch gemacht, das auf demGebiete des Elementarschulwesens in letzter Zeit, insonderheit seit der Uebernahme desU.-M. durch den Grafen D. Tolstoi (14. April 1866) Erreichte übersichtlich zusammen-zustellen.
Die Volksschulen. Bereits im I. 1856 (Wessel I, 316) arbeitete dasll.-M. (Norow 1853—58) an einem „Statut der allgemein bildenden Lehranstalten," zudenen es auch die Elementarschulen rechnete. Der Ausdruck „allgemein bildend" ist sehrbcmerkcnswerth, weil er sich bei dieser Gelegenheit zum ersten male in einem officiellenDocumente findet, und weil er zeigt, daß schon das damalige Ministerium nicht die Befrie-digung der Bedürfnisse einzelner Stände, auch nicht die Ausbildung von Canzleibeamtenund Schreibern als Zweck der Schulen ansah. Ein im I. 1861 aus Mitgliedern vonallen Ressorts, welche Volksschulen unter sich hatten,ch) gebildetes Comits verfaßte einen„allgemeinen Plan der Einrichtung von Volksschulen" — gleichfalls ohne Folgen vonGesetzeskraft: so lange die auf die Verhältnisse der Landbevölkerung bezüglichen Re-formen nicht wenigstens einen gewitzen Abschluß erreicht hatten, war das einfach nichtmöglich.
Am 14. Juli 1864 genehmigte der Kaiser das alle Elementarschulen der verschie-denen Ressorts und auch die Sonntagsschulen umfassende „Gesetz über die Ele-mentar-Volks schulen."
*) Am 1. Jan. 1865 waren in den 372 Kreisschulen 135 Lehrerstellen vacant, davon 53 fürLehrer der Geschichte und Geographie (Beitr. 2,209).
") Im Sept. 1864 war dies Amt an 117 Schulen unbesetzt (Beitr. 2,210).
***) Mit Ausnahme des Gesetzes über die Universitäten vom 18. Juni 1863, welches gegenwärtigvon einer unter dem Vorsitz des Wirkt. Geh. Raths I. Deljanow arbeitenden Commission durchgesehenund verbessert wird.
f) Der Ministerien des Unterrichts, der Domänen, der Apanagen, des Innern und der Finanzenund des orthodoxen geistlichen Ressorts.