Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
435
Einzelbild herunterladen
 

Russische Ostseeprovinzcn.

435

betrag der Kosten des baltischen Schulwesens in den Stäöten ergäbe sich also dieSumme von wenigstens 540,000 Rubel, an deren Deckung der Staat sich mit 30°/^,-as Land mit 70"/ betheiligt. Der größte Antheil davon fällt auf Livland und hierbesonders auf die Stadt Riga, welche durch ihre aus der Stadtkasse, aus den Rentenvon Stiftungen und Darbringungen fließenden Beiträge von ca. 52,000 Rubel (dasSchulgeld ungerechnet) mehr für die öffentlichen Schulen aufgewandt hat, als die Ritter-schaften und alle Städte der drei Gouvernements zusammen bcigctragen haben.

Ich habe die Darstellung des Schulwesens in den baltischen Städten auf die Schulenbeschränkt, deren Aufgabe die elementare oder höhere allgemeine Bildung der Jugendist. Außer diesen giebt es aber noch andre Lehranstalten, die specielle Nntcrrichtszwcckeverfolgen, wie das Polytechnikum in Riga, welches ganz aus den Beisteuern der Ritter-schaften und Städte der drei Gouvernements und dem Schulgelde erhalten wird; dasgeistliche orthodoxe Seminar in Riga; ferner die unter den Consistorien stehenden Kirchcn-schulen zur Vorbereitung für die Confirmation; die Schulen der religösen Brüderschaften(Bratstwo's) orthodoxer Confession; mehre Navigationsschulen u. a. m. Ausgeschlossenblieben auch die Anstalten, in denen der Unterricht nicht einziger Zweck ist und die ander Grenze der Schul- und Wohlthätigkeitsanstalten stehen, so die Schulen der Armen-hlllfsvereine, der Vereine gegen den Bettel, die Rettungsanstalten für verwahrlosteKinder, Kleinkinderbewahranstalten; eben so die Fröbel'schen Kindergärten, welche allmähligin den größern Städten sich einzubürgern beginnen. Auch befinden sich in den Ostsee-provinzen 3 Taubstummenschulcn, eine mit deutscher Unterrichtssprache in Riga, eineftir Kinder estnischer Herkunft in Fennern, und eine für lettische Kinder in Kirchholmauf dem Lande; in denen zusammen 37 Kinder unterrichtet werden. Die nur man-gelhafte Bildung, welche jetzt in den Elementarschulen erlangt werden kann, hat injüngster Zeit mehrseitige Bestrebungen veranlaßt durch Gründung von Fortbildungs-Zeichen- und Gewerbeschulen für eine zeitgemäßere Bildung des Handwerkerstandes zusorgen; hoffentlich wird eine Reorganisation des Elementarschulwesens nicht lange aufsich warten lassen, ohne welche diesen Schulen die rechte Grundlage einer gedeihlichenWirksamkeit in Zukunft fehlen würde.

Quellen: außer den gelegentlich angeführten: Gadebusch, Hupel, Topogr. Nachr.Richter, Geschichte der deutschen Ostsceprovinzen, Livländ. Schulblätter 181315, Pösch-»mnn, historische Bemerkungen über die Schulen in den Ostseeprovinzen, Albanus, Redezur Secularfeier; zahlreiche Programme und Schulschriften aus älterer und neuesterZeit; Mittheilungen der Gesellschaft für Alterthnmskunde 1851; das Inland 1863,Journal des Ministers der Volksaufklärung, von Jung-Stilling, statistisches Material1868, Kurländisches statistisches Jahrbuch; Schulstatistik von Estland 1868, Mittheilungenfür die evang. Kirche Rußlands, Baltischer Schulalmanach u. a. m. X.

Zusatz. Der vorstehende Art. ist im I. 1872 geschrieben; die in ihm enthaltenenData gehen nicht über das I. 1871 hinaus. In den letzten Jahren aber hat, wie imganzen russische^: Reiche, auch in den baltischen Gouvernements auf dem Gebiete desSchulwesens eine erhöhte Regsamkeit, ein erfreulicher Fortschritt stattgefundcn. DerVerfasser, gegenwärtig nicht in der Lage, den Aufsatz, wie er wohl wünschte, einer durch-gehenden Umarbeitung zu unterziehen, muß sich damit begnügen, als Ergänzung einigeNachträge hinzuzufügen. In Bezug auf das Land schul wesen ist zu bemerken, daßdie Z. 407 erwähnte Umgestaltung des Seminars für Parochiallehrer in Luhde (beiWalk) zu einer dreiclassigen Anstalt mit jährigem Cursus in jeder Classe nunmehrdurchgeführt ist; dasselbe ist mit einer besonder,: Ucbnngsschule verbunden. Auch diebeiden Seminare für Gemeindeschullehrcr, je eines für jeden District, sind ins Lebengetreten; das lettische (1872) als zweiclassige Schule mit Jahrescursus in jeder Classeals Erternat, das estnische (1873) als Internat mit gleichem Lehrplan. Zur Unter-haltung der 3 Seminare sind 10,000 Rubel von der Ritterschaft als jährlicher Etatbestimmt, wozu noch 900 Rubel an Schulgeld kommen. Durch die 1874 von der