331
Ausbildung.
Bildungsprvceß und Resultat dieses Processes, ein Werden und ein Gewordenes;" so iiber-wicgt dagegen in Ausbildung die Bedeutung des Processes, des Werdens und Wachsens:Ausbildung ist die Bewegung oder Thätigkeit, durch welche eine Bildung zu Stande kommt.
Dieser zunächst ganz formale Begriff erhält nun aber seinen realen Inhalt theilsdurch das auszubildende Object, theils durch das angestrebte Ziel, durch das zu Grundliegende Substrat und das zu erreichende Resultat des Bildungsprocesses. Gebildetwird ein Stoff, oder ein Gebilde aus einem Stoff; auf dein Gebiet der Pädagogikder Mensch einerseits als Naturwesen, andererseits als geistig-sittliche Persönlichkeit.Das Kind zum Menschen oder aus Kindern Menschen zu bilden, ein natürlich bestimm-tes Individuum heranzubilden zu einer sittlich sich selbst bestimmenden Persönlichkeitist ja der ganzen Pädagogik Aufgabe und Inhalt. Dagegen ist das Substrat derAusbildung im physischen wie im geistigen Sinne immer ein Dynamisches: eine einzelneAnlage oder ein Keim, aus welchem die darin eingeschlossene Entwicklung sich heraus-setzt oder hervorarbeitet, um zu 'erscheinender Realität, zum erreichbaren Grad der Vvll-' kommenheit zu gelangen. So bildet — auf dem Gebiet der Physiologie, woher zu-nächst der pädagogische Gebrauch des Worts abzuleiten ist, der Kein: sich aus zurPflanze, die Blüte zur Frucht, das Ei zum Fötus, dieser zum reifen Individuum seinerGattung; aber auch eine Krankheitsdisposition bildet sich aus zur Krankheit u. .dgl.Auf geistig sittlichein Gebiet ist Object oder Substrat der Ausbildung die ganze seelischeDynamis, die psychische Naturanlage, und zwar diese in ihrer ganzen Vielseitigkeitund generellen wie individuellen Bcsonderung, wie sie in der ganzen Gattung und injedem einzelnen Menschen in eine Fülle verschiedener Kräfte, Vermögen, Anlagen, Fähig-keiten sich spaltet, und wie sie trotz der Einheit der Menschennatur doch in jedem einzel-nen Individuum wieder qualitativ und graduell eine verschiedene ist. Anlage undAusbildung (iuckolsu und sxvolsrs) sind wie Stoff und Form, und
correlate, entgegengesetzte und eben darum sich fordernde Begriffe: was in der Menschen-natur, was im einzelnen Individuum vom Schöpfer angelegt ist, das kann und solldurch des Menschen That, durch das was er selbst zu seiner Ausbildung beiträgt, aberebenso durch Hingebung an die theils fördernden theils hemmenden äußern Einwirkungenaus ihm herausgebildet, hcrausgearbeitet und bis zu einem wenigstens relativen Gradder Vollkommenheit hinaus- und hinaufgeführt werden. Während wir nun aber dieAusgestaltung der ganzen Individualität, zu einer in sich harmonischen Lebenserscheinungmit dem Wort Bildung bezeichnen: so verhält sich hiezu der Begriff der Ausbildungwie der Theil zum Ganzen, oder wie die auf die einzelnen Theile gerichtete Thätigkeitzu der Gestaltung des Ganzen. Ausgebildet wird nicht der ganze Mensch (wenigstensist das keine gewöhnliche Ausdrucksweise), sondern eine einzelne Seite oder Anlage des-selben, oder der Mensch nach einer bestimmten Seite oder Richtung hin. Aber auchnoch aus einen: anderen Grunde bezeichnet das Wort Ausbildung einen engeren Begriffals Bildung, sofern letztere die letzten drei gleich wesentliche Momente in sich begreift:das der A u s bildung, der U m bildung und der Hinein bildung oder Aneignung. Denndie positive Entwicklung der gottverliehenen guten Anlagen, oder die Ausbildung dergeistig sittlichen Gesammtpersönlichkeit, hat in der erfahrungsmäßigen Wirklichkeit, aufdem Boden des natürlich-sündlichen Lebens, zu seiner notwendigen Voraussetzung undErgänzung das negative oder kritische Moment der Umbildung d. h. der Beschränkung,Bekämpfung und Ueberwindung des Niedrigen und Bösen in der Menschcnnatur, dasMoment der Zucht und Selbstzucht. Beides aber, die Ausbildung der Anlagen zun:Guten, wie die Reinigung der bösen Triebe geschieht nicht ohne Darbietung und An-eignung äußerer Bildungsstoffe, Bildungsmittel und Reize, daher stets bei der geistigenMe sittlichen Entwicklung und Erziehung jene drei Factoren in richtigen: VerhältnisZusammenwirken müßen. Es giebt keine Entwicklung ohne Ueberwindung der Gegen-bitze, kein Wachsthun: ohne Jntussusception und Assimilation, aber auch Se- und Ex-netion. Die Ausbildung selbst aber ist quantitativ wie qualitativ bedingtdurch das ihr zu Grunde liegende Substrat — durch das verschiedene Maß und die