Druckschrift 
1 (1876) A - Dänemark
Entstehung
Seite
311
Einzelbild herunterladen
 

Aufsätze iu höheren Anstalten.

311

Es ist eine schone Sache um die Wissenschaft, wo sie hingehört; aber ans dasGymnasium gehört sie, so lange dieses auf die Universität vorbereiten soll, nicht;Vorarbeiten soll es ihr, nicht vorgreifen, damit der Jüngling nicht durch die abstractenBegriffe, mit denen er verkehrt, mit Wind angefüllt, der Weisheit satt, ehe er sie rechtgekostet hat, die Hallen der Wissenschaft betrete. (N. v. Raumer deutet in der Z.f. G- W. mit ernsten Fragen darauf hin, daß die kritische Altklugheit, mit welchermanche Studirende an den Auditorien der philosophischen Facultät vorübergehen, ihrenGrund auch darin haben könnte, daß die Gymnasien theilweise ihre Bestimmung ver-kennen, vorbereitende Schulen für das Studium der Wissenschaften auf Universitätenzu sein.) Zuläßig scheinen mir dagegen Fragen aus der praktischen Moral, z. B.:.Worin unterscheiden sich Demuth und Bescheidenheit, Sparsamkeit und Geiz", nament-lich wenn sie eontrovers sind, z. B.giebt es erlaubte Nvthlügen" oder auch (nachDöderleius Rath a. a. O: S. 206),ist die Dankbarkeit eine Tugend?" statt einerDeelamation über die Dankbarkeit; bei solchen Fragen gilt es das sittliche Urthcil zuleiten und zu berichtigen.

Was ich von der Philosophie im allgemeinen gesagt habe, das möchte ich insbe-sondere auch auf einen ihrer schwierigsten Theile, die Wissenschaft vom Schönen, an-wenden. Dein Jüngling Schönes, wo möglich das Schönste vorzuführen und dies zuthnn mit jener ungeheuchelten Bewunderung, welche da, wo sie aus dein Innern hervor-lenchtet und höchstens in ein paar Worten, ohne Deduction, sich kund giebt, bei derempfänglichen Jugend die gleiche Empfindung weckt, das ist die Sache des Lehrers.Der Sinn für das Schöne wird durch Anschauung gebildet und genährt; ein Jüng-ling, der viel Schönes gesehen, gehört, gelesen hat, wendet sich vom Unschönen ab, hatkeine Freude am Gemeinen; eine Jungfrau, die von deutscher Literatur nur wenig,aber das Trefflichste kennt, hat einen geläuterten Geschmack und kann an schalen Ro-manen schon deswegen, weil sie ihren Schönheitssinn beleidigen, kein Wohlgefallenfinden. Darum beschäftige man den Geist der Jugend nur mit solchen Werken derKunst, welche es verdienen, ihr wohlzugefallen, man führe sie in ihr Verständnis ein,lasse sie sinnend und fühlend sich in sie versenken und enthalte sich dann, selbst vielWorte darüber zu machen, oder viel Worte darüber von ihnen zu verlangen. Ins-besondre mäkle man nicht an Werken dieser Art und rufe nicht die großen Geister derferneren oder näheren Vergangenheit vor den kritischen Nichterstuhl jetziger Weisheit.Die unreife Jugend ist zu unlautern Urtheilen ohnedies nur allzu geneigt; es heißt sichan ihr, an der Heranwachsenden Hoffnung des Vaterlandes versündigen, wenn manden Geist der Kritik in den jungen Leuten noch seinerseits groß zieht. Ein jungerLehrer gab vor einiger Zeit seinen Schülern das Aufsatzthema: Welches sind dieHauptfehler in Schillers Wilhelm Teil? Hoffentlich hat er damit nur seinem eigenenRcspect geschadet.

Die allgemeinen Begriffe der Aesthetik sind für den 171 »jährigen Jüngling zuschwierig, er kann sie nicht verstehen, verstehen sage ich, nicht nachsprechen; sie fördernaber auch weder das Verständnis eines Kunstwerks, noch die Freude daran in seinerSeele. Die Regeln der Technik für die einzelnen Kunstformen mag man ihm, wenner hinreichende concrete Beispiele kennt, an: Einzelnen Nachweisen (vgl. Schott a. a. O.S. IW2»2). Noch weniger halte ich es diesem gemäß für geeignet, wenn man eigeneAufsätze von den Jünglingen verlangt, in welchen sie jene abstracten ästhetischen Begriffehandhaben, das Schöne zergliedern, den Werth eines Kunstwerks oder gar den Wertheines Dichters beurtheilen sollen. Sie sind hiezu incompetent, und wenn man dennochein solches Urtheil von ihnen verlangt, so wird die gewöhnliche Folge davon keine anderesein, als daß sie irgend ein fremdes adoptircn, dabei aber sich in ein gemachtes Pathoshineinsteigern und sich der ästhetischen Schönrednerei befleißigen, um desto bälder beidem Stadium des blasirten Ml uämirnri anzukommen. Gewißdie Freude der kriti-schen Betrachtung" ist kein Ersatz für den frischen und vollen Genuß an der Sacheselbst. Ein weit später, aber aus dem Grunde reicher Anschauungen ausgehendes Be-