Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
649
Einzelbild herunterladen
 

Vergnügungen.

640

richtigen Maßes zu setzen, insofern »emlich, als doch nur wenige den inner» und denngemäß auch den äußern Beruf haben, sich ganz der Kunst zu widmen, mithin die Arbeitdes Berufs nicht darunter uothlcidcu darf.

Reden wir endlich von rein geistigen Genüssen, so bleiben, da wir die Poesie und mitdieser auch die Untcrhaltungslectnre (vgl. den Art. Jugendliteratur Bd. III. S. 802) schonals Kunst zu neune» hatten, nur noch zwei Tinge übrig: — Wissenschaft und Religion.Und diese sollen sich's gefallen lassen, auch mit unter den Vergnügungen zu figurircu?Die Vcrguügliugc schlagen das Kreuz vor beiden; und die Stockgclchrtcn wie — sitvsniu vorlio — die Stockfrommeu scheu verächtlich auf Vergnügungen herab; man sollsich's, meinen sie, mit Wissenschaft und Religion vielmehr sauer werden lassen. Einekurze Erläuterung wird genügen. Das versteht sich, daß man weder dem Knaben, derLatein lernen, noch dem Studenten, der Pandectcn studircn soll, etwa nach Philanthrop»stischen Principicu die betreffenden Lehrstunden zur Lustbarkeit macht. Aber wenn demMann in Rede oder Schrift ein wissenschaftlicher Gegenstand gleichsam fertig gemachtund reinlich präparirt dargebotcn wird: ist das nicht ein hoher Genuß, keine Arbeit, son-dern ein Vergnügen? Dazu ist aber auch, nur in weit beschränkterem Maß, der Stu-dent, der Gymnasiast fähig; es kann ein Gegenstand allgemeinen Interesses, von dem erdie nöthigen Vorkcnntnisse (z. B. geschichtliche oder geographische) schon besitzt, in einerWeise behandelt werden, daß er freilich noch dabei lernt, aber das Lernen reiner Genußist. Das wird, wie alle Vergnügung, nur zwischen der Arbeit, nur als seltene Festgabeihm zu theil werden; wer auch im Studiren nur nach Genuß sucht, wird nie etwasrechtes lernen, aber in jener Weise und Beschränkung ist cs erwünscht, wenn die Literaturoder öffentliche Einrichtungen dafür sorgen, daß unter den Gegenständen edler Vergnü-gung die Wissenschaft nicht fehlt. — Was aber die Religion betrifft, so hat sie ihreeignen Vergnügungstage — das sind die Feste und Sonntage der Kirche, das sind, wieder Psalm sagt (Ps. 27, 4), „die schönen Gottesdienste des Herrn."*) Und wie einstAngelus Silesins seinem Liederbuch den Titel gab: „Heilige Scclcnlust," so gebrauchenwir allenthalben ein aus der Bibel genommenes, dort aber allerdings nicht ganz dasGleiche bedeutendes Wort genau in dem Sinn eines geistlichen Gcnießcns, also einergeistlichen Vergnügung durch neues, lebensvolles Darlcgcn der christlichen Wahrheit —das ist das Wort Erbauung. Wer ans einer Kirche erbaut hciinkcmmt, der kommtgeistlich vergnügt heim, und das kann er sein, selbst wenn er eine Büßpredigt gehört hat;denn das ist die Wahrheit, an der er sich erfreut, auch wenn sie ihn straft, der er Rechtgiebt, und die ja doch schließlich immer Evangelium, eine Freudenbotschaft ist. Nunentsteht freilich, wie vorhin in Betreff der Wissenschaft, so fast noch mehr in Betreff derReligion die Frage, ob das, was wir Erbauung nennen, auch dem Jugendaltcr schonmöglich sei? Wenn ein Kind auch gerne zur Kirche geht, also weder als einen Zwangdies ansieht, noch Langeweile empfindet, so würden doch die meisten nicht wissen, was sieantworten sollten, wenn man sie fragte, ob sie sich erbaut haben. Aber allmählich gehtdoch auch jungen Leuten, sofern sie ein religiöses Bedürfnis überhaupt haben, darüberdas Bewußtsein ans, daß oder ob sic z. B. von einer Rede, einem Buch einen Lcbens-zufluß empfangen; sobald dies der Fall ist, so entsteht auch jene erhöhte, freudige Stim-mung, es steigt der Thermometer des Gcinüths und solch eine Stunde ist ihnen wcrth.

Das aber führt uns nochmals ans einen oben schon berührten Punct zurück. Wirhaben einer falschen Asccsc gegenüber an den Spruch 1. Tim. 4, 4 erinnert, wonachnichts von Gottes Gaben verwerflich ist, was mit Danksagung empfangen wird. Seit-her nun wußten wir als ethische und pädagogische Regel in Betreff der Vergnügungennur die Einhaltung des rechten Maßes aufzustellen; und dazu nehmen wir noch die wci-

*) Religion soll und will ich immer haben, sic ist die permanente Richtung des Gemüthsund Willens auf Gott; waö aber daraus wird, wenn man auch den Cultus permanent macht,das zeigt das Mönchthum.