Vaterlandsliebe.
635
säumten Pflicht sich bewußt werde, der Beruf znzuschrciben, jenen wahren Patriotismuszu pflegen. Die Zeiten innerer Zerrissenheit und politischer Ohnmacht, in welchen unteruns im Vereine mit einem abStiactcn Wcltbürgcrthum und schimpflicher Ausländern diegleichgültige und selbstsüchtige Jsolirung der Einzelnen besonders üppig emporwuchcrtc,sind nun mit Gottes Hülfe vorüber: jetzt darf uns das wieder gewonnene Gefühl natio-naler Einheit und Kraft nicht verleiten, auf eine ebenso undcutsche als unchristliche Weisedie zur Bereicherung unseres nationalen Lebens bestimmte Mannigfaltigkeit individuellerEigenthümlichkeiten und Bildungen zu unterdrücken, oder die brüderliche Gemeinschaftmit andern Völkern gering zu achten, aus welcher uns Ergänzung unseres eigenen We-sens und Förderung des Wohles der ganzen Menschheit hervorgchen soll.
Das erste Mittel, die deutsche Jugend zur Vaterlandsliebe zu erziehen, ist darinzu suchen, daß die von Gott gewollte Verbindung zwischen der deutschenVolksthümlichkcit und dem Evangelium bewahrt und lebendig erhal-ten werde. Eine traurigere Verirrung ist kaum denkbar, als daß Deutsche nach aus-ländischen Vorbildern, um die natürliche Anhänglichkeit an das allerdings reformbedürf-tige Bestehende in unserem Volke zu erschüttern, die Pietät im höchsten Sinne des Wor-tes aus seinem Herzen auszureuten und den Bau deutscher Freiheit auf dem hohlenBoden des Atheismus aufzurichtcn trachteten. Die natürlichen Gaben des deutschenStammes sind erst durch das Evangelium recht entbunden worden, die Entwicklungs-Perioden des deutschen Volkes hängen, wie bei keinem andern, mit denen der Kirche zu-sammen und die Zeiten seiner nationalen Große sind immer auch Zeiten religiöser Er-hebung gewesen. Das ihm eingeborene tiefe religiöse Bedürfnis, welchem es nicht ge-nügte, die Gottheit, deren unsichtbares Wesen das deutsche Gemüth ahnte, in sichtbarenBildern zu verehren, sondern welches alle einzelnen Göttergestaltcn der altgcrmanischcnReligion als unzulängliche Verkörperungen jenes Wesens in der Götterdämmerung wie-der untcrgehen ließ, fand erst in der evangelischen Predigt von dem Gotte, der ein Geistist und im Geist und in der Wahrheit angcbetct werden will, seine Befriedigung. Dienatürliche Ehrfurcht der Germanen vor dem ewig Weiblichen und der Heiligkeit des Fa-milienbandcs erhielt durch das Christenthum ihre höhere Weihe. Die alte Treue bis inden Tod, welche die Deutschen mit ihren Fürsten und Führern verbunden hatte, wurdezur Treue gegen den Herzog ihrer Seligkeit verklärt. Die sinnige Betrachtung der Na-^ tur und des Lebens, welcher alles sinnliche zu einem Symbol des Nebersinnlichcu wird,! fand in der christlich-germanischen Kunst ihren vollendetsten Ausdruck. Der vor keinem
f Hindernis zurückschreckendc Kampfesmuth der starken Herzen wurde zu jenem Muthc der
! Wahrheit, welcher nicht forschte, um nur für das äußere Leben Vorthcile zu gewinnen,sondern um tiefer ciuzudringen in das Wesen und den Zusammenhang der Dinge, undan welchem es sich darum doch bewährt, daß dem, welcher stets nach dem Höchsten trachtet,I auch alles andere zufallcn muß. Schon in der deutschen Mystik des Mittelalters istdieser WahrhcitSmuth durch die starre Acußerlichkeit der herrschenden Kirchenlehrc zuden lebendigen Tiefen des Evangeliums hindurchgedrungcn, und in dem Werke der Re-formation hat er eben darum die größte That des deutschen Geistes vollbracht, weil in
dieser That der deutsche Geist seinen höchsten Berus, mit dem Evangelium von Christodie innigste Verbindung einzugchcn, auf das entschiedenste erfüllt hat. Daß das deutscheVolk lieber seine politische Conccntration daran gegeben, als von dieser Verbindung ge-lassen hat, das hat es freilich Jahrhunderte lang als politisch ohnmächtig erscheinen lassen,zumal dem Nachbarvolke gegenüber, welches gerade den entgegengesetzten Weg gegangenwar und der Erhaltung und Vollendung seiner politischen Conccntration den auch inseiner Mitte neu erwachten evangelischen Glauben zum Opfer gebracht hatte. Aber derj schlicßliche Erfolg hat gezeigt, daß das Trachten nach dem Reiche Gottes auch für die
j Reiche dieser Welt ein durch keine politische Klugheit zu ersehender Segen ist; und es
§ Md dem deutschen Volke aus seiner treuer bewahrten Verbindung mit dem Evangelium
' geistige Güter erwachsen, kraft deren es endlich doch über den mächtigen und stolzen