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Vaterlandsliebe.
Wenn die Nationalität, gleich der Individualität des Einzelnen, auf einer von Gottverliehenen besonderen Begabung beruht, durch welche cm Volk von dem andern sichunterscheidet, so dürfen wir ein jedes Volk als ein großes Collectivindivi-duum betrachten, welches zwischen den einzelnen Individuen auf der einen und der gc-sammten Menschheit auf der andern Seite in der Mitte steht: „wir setzen also zuerstzwischen der einzelnen Persönlichkeit und der absoluten Gemeinschaftlichkeit die nationclleBestimmtheit als etwas nothwcndiges" (Schlciermacher). Daraus folgt, daß, ähnlichwie die Individualität des Einzelnen, so auch die Volksindividualität ihr Recht und ihrePflicht hat; und zwar gilt dies in Bezug auf die beiden genannten Seiten, währenddas einzelne Individuum nur gegenüber der 'Gesammthcit, welcher es angchört, seinRecht zu fordern und seine Pflicht zu erfüllen hat. In Bezug auf die Individuen, welchezu ihm gehören, hat ein Volk das Recht, zu fordern, daß sie sich nicht selbstsüchtig iso-liren, sondern als seine lebendigen Glieder in das nationale Leben und die nationalenInteressen cingehcn, zugleich aber auch die Pflicht, die einzelnen Individuen nicht alswillenlose Werkzeuge seinen äußeren Zwecken dienstbar zu machen, sondern sie in ihrerpersönlichen Freiheit und individuellen Eigcnthümlichkcit auzuerkcnnen, zu schützen und zufördern, damit sie in freiem Gehorsam dem Gedeihen ihres Volkes dienen, und dessenLeben um so reicher und frischer sich entfalte. In Bezug auf die große Völkergemein-schaft und die gesammte Menschheit hat das einzelne Volk das Recht, zu fordern, daßes in seinem cigcnthümlichen Wesen und Leben anerkannt und nicht gekränkt werde, zu-gleich aber die Pflicht, aus dem natürlichen nationalen Egoismus herauszutrcten und„seinen eigenen Bildungsproccß stets als Organ des ganzen Menschengeschlechts zu be-treiben." Diejenige Gesinnung, welche das Recht des einzelnen Volkes vertritt, kannmau für beide Fälle als Patriotismus, diejenige dagegen, welche der Erfüllung derPflicht des Volkes gegen die Einzelnen, wie gegen die ganze Menschheit zugcwandt ist,in der erstem Rücksicht als Individualismus, in der letztem als Kosmopoli-tismus bezeichnen, beide Wörter in gutem Sinne genommen. Während nun im Alter-thum die patriotische Richtung vorgehcrrscht hat, und zwar meist in so einseitiger Weise,daß einerseits der Einzelne genöthigt wurde, seine individuelle Freiheit der nationalenGesammthcit völlig zu unterwerfen, andererseits die einzelnen Völker in schroffer undfeindseliger Trennung sich einander gcgcnüberstandcn und von einer Pflicht gegen die ganzeMenschheit ihnen sogar der Begriff fehlte, so hat dagegen die neuere und neueste Zeiteinen einseitigen und darum verkehrten Individualismus und Kosmopolitismus hervor-gebracht, oder vielmehr: cs zeigt sich, wie diese beiden Extreme aus derselben Wurzel er-wachsen sind, indem die in subjective Willkür ausgeartctc Freiheit des Individuums dieMaske einer Begeisterung für das Wohl der ganzen Menschheit voruimmt, um die näch-sten und natürlichsten Pflichten gegen Vaterland und Volk loS zu werden und doch ihregemeine Selbstsucht nicht eingestehcn zu müßen. Das Christcnthum hat die nationaleund locale Bestimmtheit der Individuen und die nationale und locale Gliederung derMenschheit als eine göttliche Institution dargestellt, zugleich aber den Individuen dasRecht gewahrt, ihrer besonderen Begabung entsprechend, in den freien Dienst ihres Volkeseinzutrcten, und der ganzen Menschheit das Recht, die einzelnen Völker in Einigkeit desGeistes zur höchsten Gemeinschaft zu verbinden. Es hat damit den Patriotismus mitdem berechtigten und gesunden Individualismus und Kosmopolitismus versöhnt und die-sem wahren Patriotismus zwischen einem selbstsüchtig sich isolircuden Subjectivismusund einem vagen und inhaltslosen Kosmopolitismus die richtige Mitte angewiesen. Wieaber die deutsche Volksthümlichkeit zur Aufnahme und Aneignung des Evangeliums aufbesondere Weise angelegt und berufen ist, wie tatsächlich „bei keinem Volke eine so durch-dringende Vereinigung und Verschmelzung des natürlichen nationalen Lebens mit demEvangelium stattgcfunden hat, wie bei dem deutschen Volke" (Piderit in der untenanzuführenden Gymnastalrede): so ist auch dem deutschen Volke in besonderem Maßeund nicht, damit cs sich überhebc, sondern damit es einer heiligen und leider oft ver-