Ungerathcne Kinder.
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Gebet des Glaubens. Augustinus, der leibliche Sohn der frommen Mouica, war be-kanntlich als geistlicher Mensch ein „Sohn ihrer Thränen" und ihres GcbcteS. Bekanntist, wie Vater Flattich einmal einen gestrengen Vater, der ihm bei der Uebergabe einesbis dahin ungcrathenen Sohnes vorrechnetc, wie er die ganze Scala aller nur irgenderdenklichen Strafen an dem jungen Bösewicht erschöpft habe, gefragt: „Haben Sie auchschon für ihn gebetet?" — Der Vater mußte bekennen, daran habe er noch nicht gedacht.Und dieses Mittel wirkte. In der That ist dem Erzieher in Haus und Schule mit derErlaubnis des Gebets und der Fürbitte eine mächtige Waffe zu Schutz und Trutz indie Hand gegeben. Wer sic ernstlich und anhaltend gebraucht, wird von ihrer Wirkungzu sagen wissen.
Und doch scheint auch diese Waffe manchmal zu versagen, ja cs ist keine so ganzseltene Erscheinung, daß auch frommer Eltern Kinder, die doch gewiß von Mutter-leibe an unter dem Einflüsse des Gebets und göttlichen Wortes gestanden sind, übelgerathen. Wir könnten mehr als einen Fall aus unserer Erfahrung anführen, erinnernaber beispielsweise nur an den Sohn des frommen Phil. Jac. Spener oder an denSchmerzenssohn des trefflichen schlesischen Liederdichters, Johann Heermann, der zumgroßen Leide seines Vaters sich in die Schlingen des Jesuitismus verlocken ließ. Inmanchen Fällen dieser Art vermag die Pädagogik nachzurechncn und die Erscheinungpsychologisch zurecht zu legen. Greifen wir ein Beispiel aus dem Leben. Der Vater,ein vermöglicher, frommer Bauersmann, fromm im Stile des württembergischcn Pietis-mus, hat einen schön begabten, munteren Sohn. In seinem Hause wird an Sonn- undFeiertagen Nachmittags und Abends die regelmäßige Erbauungsstundc gehalten. Terlebhafte Knabe wird auch dazu gezogen. Wo konnte er bester aufgehoben sein als inder „Stunde?" Anfangs gicng das. Nach und nach wurde es dem muntern Knabenlangweilig, stundenlang den Gesängen, Gesprächen und Gebeten anznwohnen, die meistüber seinen jungen Kopf Weggiengen. Ihm lagen andere Dinge am Herzen. Er versuchtes, sich der Versammlung zu entziehen; der Vater zwingt ihn mit Wort und That. Mehrund mehr setzt sich nun Unlust und Widrigkeit gegen Gottes Wort und alle Gottseligkeitin ihm fest. Mit den Kinderschuhen legt er auch den äußeren, knechtischen Gehorsamvollends ab und wird ein böser Bube, der dem Vater in allerlei Weise zu Leide lebt,sich endlich thatsäckilich an ihm vergreift, dafür auf den Strafplatz kommt re. Hier istbei dem frommen Mann trotz allen Wohlmcinens der pädagogische Unverstand Hand-greiflich. Das Christcnthum läßt sich eben nicht anzwingen. Es gehört viel Weisheit,Sorgfalt, Zurückhaltung und Selbstverleugnung dazu, um die richtige Mitte zu findenund die zarten Einflüsse des göttlichen Geistes auf die jungen Herzen nicht durch mensch-lich täppisches Drcingreifcn zu stören und zu verderben. Wir gedenken einer frommenMutter aus gebildetem Stande, die gar gerne gesehen hätte, daß ihr Sohn, der Gym-nasiumsschülcr, auch mit ihr in eine Erbauungsstunde gegangen wäre. Sie nahm ihnsich deshalb öfters zum Begleiter, wenn sie hingicng, und bestellte ihn zum Abholcunach Schluß der Stunde mit dem heimlichen Wunsche, daß er mit herein kommen möchte.Der gute Sohn begleitete die Mutter pflichtlich bis an die Thüre des StundenhanseS,stand eine Stunde später richtig wieder an derselben, um seine Sohnespflicht zu üben;aber hinein gieng er nicht. Später als Student suchte er aus eigenem Antrieb einesolche „Stunde" auf. Diese zarte keusche Zurückhaltung fand ihren Lohn. Der gute,dienstfertige Sohn ist durch Gottes Gnade ein tüchtiger, gläubiger Mann geworden.Vielleicht — wer weiß? — wurde er das nicht, wenn die Mutter ihn in die Stundegenöthigt hätte. Der Herr hat eben seine Stunde; die muß der Mensch beachten, er-warten. Frömmigkeit läßt sich nicht machen; sie muß von oben gewirkt, immerhinaber von unten treulich und bcscheidcutlich vorbereitet werden. Hier gilt es, Glaubenhaben und Geduld und etwas von dem Sinn Abrahams, der „hvffcte, da nichts zuhoffen war." Selbst in Kreisen wahrhaft frommer und gebildeter Christen lauft je undje etwas mit unter, was das spätere Mißrathcn bald der Söhne, bald der Töchter pä-