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9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
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Taufe.

sein müße. Der Unterzeichnete hat in seiner Evangelischen Pädagogik, bevor er auf diepraktischen Erzichnngsmittel eingicng, einen Abschnitt mit dem Titel: „Ideale Grund-legung" vorausgcschickt; und es scheint eben in der Gegenwart gar nicht übcrslüßig zusein, daß man nachdrücklicher als je an diesen idealen Hintergrund der Erziehung erinnert.Zwar mangelt es in den Kundgebungen der modernsten Pädagogik nicht an Schlag-wörtern, an volltönenden Redensarten, die, weil sie von aller Realität toto eovlo fernebleiben, eben darum für den Ausdruck von Idealen gelten wollen. Wer die Hohlheitderselben nicht merkt oder nicht merken will, mit dem ist nicht zu rechten. Der Christaber lebt in einer ihm eigenen, wenn auch durchs Christenthum allen Völkern zugäng-lichen und aufgeschlossenen Ideenwelt, in welcher sein ganzes geistiges Leben wurzelt,aus welcher cs sich täglich und stündlich nährt, und die, wie sie seine Weltanschauungbeherrscht, so auch sein Handeln mit absoluter Macht und doch nur mittelst seiner vollenpersönlichen Freiheit bestimmt, indem sie durch die tiefsten, reinsten Impulse und durchdie höchsten, würdigsten Zwecke aus seinen Willen wirkt. Fassen wir dieselbe in ihremMittelpunct, so ist es die Idee des Reiches Gottes, für das der Mensch geschaffen, andem als freier Genosse theilzunehmcn und mitzuwirkcn er vom Schöpfer innerlich ange-legt, ausgerüstet und berufen ist. Diese Idee wird auf dem Weg empirischer Psychologieniemals gewonnen, darum nennen wir ja die Erfassung, die lebendige, persönliche An-eignung derselben Glauben. Gleichwohl ist sic nicht ein Phantasiegebilde oder eine viakminentiuo oder via noAutionis gewonnene, idcalisircnde Vorstellung; das Reich Gottesist real in die Menschheit eingctretcn als geschichtliche Thatsache, als göttliche Offen-barung, und zwar so, daß in derselben das Beste und Edelste im Menschen alsbald denlängst vergeblich gesuchten Halt und Hort, der Wahrhcitssinn die Antwort auf seinetiefsten Lebensfragen gefunden hat; „wer die Wahrheit thut, der kommt an das Licht,"Joh. 3, 21. Aber indem der Mensch in dieser durch die Thatsache der Offenbarung erzeugtenund als Wahrheit bezeugten Idee sich selbst, seine Heimat, sein Nuheziel, seines Da-seins Zweck und Werth findet, wird er sich sofort auch seiner factischen Jncongruenz,gegenüber dieser seiner Bestimmung, bewußt; mit jener Idealität steht sein realer Zustandim Widerspruch, kurz gesagt: es macht sich in ihm das Bewußtsein der Sünde geltend.Auch dies aber ist nicht ein psychologisches Phänomen von der Art, daß cs nach derWeise cxactcr Wissenschaft könnte bloßgelcgt werden; wer diese Empfindung, d. h. dieGewissensthätigkeit nicht in sich selbst hat, wer sie entweder kurzweg leugnet oder inwem sie durch irgend welche Ursachen lahm gelegt ist, den kann man nicht mitmathematischer Evidenz oder durch den Augenschein des physikalischen Experiments dazuzwingen; mit andrem Wort: auch das Gewissen ist eine ideale Macht, deshalb ebenwird der praktische wie der theoretische Materialismus auch mit ihm nach seiner Weisefertig. Im Christen aber, der die Thatsache der Offenbarung völlig in sich ausgenommenhat, wird dieses Bewußtsein der Sündigkcit Überwegen durch das Bewußtsein der Gnade —er weiß, die Negation jener Idealität ist selbst wieder negirt, ist aufgehoben durch einehöhere göttliche Realität, die eben weil sie göttlich ist, die Realisirung des Idealen ist —nemlich die Erlösung; er weiß, weil ich Christi theilhaftig bin, so ist meine Sünde ver-geben und wird getilgt und ausgeschieden, ich bin Bürger des Himmelreichs, bin einKind Gottes. (Wir brauchen kaum zu erinnern, daß diese Construction der den Christenerfüllenden und charakterisircnden Gedankenwelt wesentlich zusammentrifft mit Schlcier-machers Analyse des christlich-frommen Bewußtseins.) Das letztre nun, das Bewußtseinder Gnade, stützt sich zuvörderst mittelst des Glaubens auf Gottes Wort und Ver-heißung, auf die subjective Aneignung der einmal für alle geschehenen Erlösung; abercS wird alsbald zur wirklichen Erfahrung; der Christ hat in sich den Frieden Gottes,jener innere Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit ist aufgehoben, er weiß, er wirdcs unmittelbar innc, daß ein neues, ein göttliches, seiner Unvcrgänglichkeit in sich selbstgewißeö Leben in ihm ist — er weiß das mit derselben Gewißheit, wie ein von schwererKrankheit Genesender weiß, daß ein gesundes Leben in ihm waltet und von Tag zu