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9 (1873) Spanien - Vives
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Taubstummcnbildung.

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die Mittel fehlen, die Kinder von Geburt an in die Pflege Vollsinnigcr zu geben. InNassau gab cs 1864 24 verheiratete Taubstumme und darunter 2 taubstumme Eltern-paarc. Alle ihre Kinder (46; 25 weibliche und 21 männliche) hörten und sprachen gut(vgl. Meckel S. 28). Der Statistik der Taubstummen wird neuerdings eine größereSorgfalt gewidmet durch Aufstellung bestimmter Fragen, welche von sachkundigen Män-nern beantwortet werden mäßen. Nassau zog 1863 die Lehrer mit Erfolg herbei. DasFragebogen-Formular, welches aus Leut: Statistik der Taubstummen des Regierungs-bezirks Eöln in Stichl's Ccntralblatt 1869 S. 566 mitgethcilt ist, dürfte vervollständigtdurch das Cohnsche (ebendaselbst S. 773) mustergültig sein für die Erforschung der Ur-sachen der Taubstummheit. Die Ermittlungen bei Meckel und im Coblcnzer Berichterstrecken sich auch auf die Resultate der Taubstummcnbildung (vgl. unten). Möchteauch durch die genauere Statistik das Resultat der bisherigen Untersuchungen bestätigtwerden, daß die Taubstummheit in fortschreitender Abnahme sei, als Folge des allge-meineren Wohlstands, aufmerksamerer Behandlung der Kinderkrankheiten und bessererErkenntnis der Ursachen der Taubstummheit.

Eine Heilung der Taubstummheit setzt eine Heilung der Taubheit voraus,welche bisher der medicinischen Wissenschaft noch nicht gelungen ist, so sehr auch dieselbe,vornehmlich seit Errichtung der Taubstummenanstalten, sich diesem Gegenstände unaus-gesetzt gewidmet hat. Es gelingt nur selten, die Schwerhörigkeit zu mildern: die völligeTaubheit ist noch nie geheilt worden. „Die Medicin wirkt nicht auf die Todten (sagtJtard bei Hill S. 24) und für mich ist es erwiesen, daß das Ohr bei dem Taubstummentodt ist." Versuche, mittelst der Elektricität und des Galvanismus oder mittelst Durch-bohrung des Trommelfells auf die Gehörorgane zu wirken, sind in verschiedenen Taub-stummenanstalten bisher gänzlich erfolglos gemacht worden. Man muß daher versuchen,den Mangel des Gehörs durch Erziehung und Unterricht unter Benützung der vier andernSinne zu ersetzen. Dies erstrebt die Taubstummcnbildung, deren Anfänge schon ausLen letzten vier Jahrhunderten datireu, zu deren Verallgemeinerung und Vervollkommnungaber erst im sog. Zeitalter der Aufklärung der Grund gelegt wurde. Der damals ein-tretende großartige Aufschwung des Vvlksunterrichts für die Vollsinnigcn erbarmte sichauch der Vicrsinnigen in ihrem Unglück.

Unter allen Gebrechlichen kann man die Taubstummen die unglücklichsten nennen.Sie entbehren nicht allein des unterscheidenden Vorzugs, der dem Menschen vor denübrigen Geschöpfen der Erde zuthcil geworden, sondern sie stehen im natürlichen Ge-brauche ihrer Fähigkeiten fast den vollsinnigen Thicrcn nach. Durch alle übrigen Sinnehängt der Mensch nur mit der vergänglichen Welt zusammen, durch das Gehör alleinmit der höheren und ewigen. Einen Taubstummen bilden heißt daher nicht weniger alsihn zum Menschen machen. Ein ohne diese Bildung ausgewachsener Taubstummer, soheißt cs im Mecrsburgcr Jahresbericht von 1869, ist auch ohne Gott, ohne Religion,ohne Gesetz, ohne Sitte, eine Last der Gesellschaft, häufig an die Bettelglocke gewiesen,dem Verbrechen ausgcsctzt; ausgebildct wird er sich als Geschäftsmann, Künstler oderHandwerker selbständig den nothwendigen Unterhalt erwerben; er wird ein treuer Sohnseiner Kirche, ein nützliches und achtbares Glied in der Gemeinde und im Staate, erist gerettet. Solche Erfolge der Taubstummcnbildung werden durch die Sta-tistik z. B. bei Meckel S. 17 und 24 auf Grund einer 45jährigen Wirksamkeit desCamberger Instituts vollständig bestätigt. Den im Jahre 1863 noch lebenden Zöglingendesselben, 177 an der Zahl, wurde von Len Behörden, welche darüber zum Bericht auf-gefordert waren, das Zeugnis gegeben, daß sie entweder in Betreibung einer Profcsfionoder sonst nützlich beschäftigt seien und Fleiß und sittlich gutes Betragen zeigten. Aehnlichlauten die Zeugnisse in dem Coblcnzer Bericht S. 29 und die über die Zöglinge vonRatibor in Stiehl's Centralblatt 1870, S. 373.

Es kann daher fast unbegreiflich erscheinen, zumal cs zu allen Zeiten Taubstummegegeben hat, daß man der Bildung derselben nicht früher eine größere Aufmerksam-