Tanzen.
363
Schwabe that daher offenbar den Zweckschuß, wenn er einem Vcrtheidiger des Tanzens,der die damit verbundene Leibesbewegung rühmte, sich aber mit der Bemerkung nichtzufrieden gab, diese könnten die jungen Bursche und Mägdlein sich auch abgesondertverschaffen, erwiderte: „Ich sehe, es handelt sich also nicht um eine Leibes-, sondern umeine Gemüthsbewcgung."
Dieser Kern aller unserer Tänze darf nicht aus den Augen gelassen werden, wennes sich um die sittliche Würdigung des Tanzens überhaupt und um dessen päda-gogische Würdigung für die Jugend insonderheit handelt.
Wir werden uns hier auf eine eingehende Auseinandersetzung über die Zulässigkeitoder Verwerflichkeit, über Nutzen oder Schaden des Tanzens rücksichtlich der erwachsenenPersonen nicht cinlassen, dürfen uns aber doch um der richtigen pädagogischen Beur-theilung willen von einigen Andeutungen darüber nicht entbinden. Vom bloß humanen,natürlich-sittlichen Standpunct aus hat das Tanzen, ideal angesehen, so vielRechtals jede andere Kunst, jedes andere Spiel. Es wird in demselben Maße harmloserund edler sein, je mehr es sich dabei um Vcrsinnlichung einer höheren Idee handeltund je kunstmäßiger diese Idee auch in schöner Form hervortritt. Es wird aber auchbedenklicher und gefährlicher werden, je mehr es den Charakter der Kunst verleugnet,je mehr es gemeinen Zwecken, der bloßen Eitelkeit, Gefallsucht und Sinnlichkeit dient.Unsere Bälle und sonstige Tänze, wo das vornehme und geringe Volk der Tanzlustigenzusammenkommt, um sich gemeinsam lustig zu machen, dürften so, wie sie gewöhnlichgehalten werden, kaum noch den Namen von Kunstleistungen auch im bescheidenstenSinne des Wortes verdienen und einer sittlichen Bedeutung nahezu bar sein.
Daß man bei der sittlichen Würdigung des Tanzens auch den Bilduugsstand derTanzenden in Anschlag bringe, daß man von der derben Natur des Bauernburschen,der Landdirne nicht die Feinheit gebildeter Stände erwarten darf, daß die starken Nervendes Landvolkes manches harmlos wagen, was den zarteren Stadtnerven zu viel wäre,liegt in der Natur der Sache. Ein Tanz, unter dessen derb markirten Taktschlägendas Haus zittert, mag oft unschuldiger sein, als was auf den gewichsten Salon-böden vorgeht.
Anders gestaltet sich die Sache, wo es sich nicht sowohl um das Tanzen als Sitte,sondern als eigene künstlerische Darstellung und um den Genuß derselben als einersolchen handelt (Ballet). An sich steht der Tanzkünstler nicht unter dem Sänger oderMusiker oder sonst einem Künstler, insofern auch er in dem ihm zu Gebote stehen-den Stoffe irgend einen Gedanken in der Form des Schönen darstellt. Aber die-selbe Entartung, welche die übrigen Künste oft schon zum Dienst bloßer Sinnenlust er-niedrigt und entweiht hat, ist auch hier möglich und vielfach eingetreten und wird aller-dings auf den unbefangenen Beschauer einen um so unangenehmeren Eindruck machen,als bei einem die wahre Kunst verleugnenden Kunsttänze nicht bloß Stein, Farbe nndTon, sondern der ganze edle Menschenleib in den Dienst des Unedlen gezogen und somisbraucht wird.
Je nachdem der Tanz als reine Kunst seine Darstellung reinen Gegenständen, seies das Spiel der Liebe oder sonst eine Seite des gesellschaftlichen Menschenlebens, zu-wendet, desto harmloser nicht nur, sondern auch reiner, erfreuender, ja erhebender kanndie Anschauung desselben für ein dazu bereites und gebildetes Auge sein. Von bloßeitlen, leichtfertigen, buhlerischen, die Sinnlichkeit kitzelnden oder gemeinen Tanzdar-stellnngen, oder auch von bloßer inhaltsloser Künstelei wird sich der gesundsinnige Be-schauer selbst abwenden und auch andern abrathen. Den Eindruck, den G-H. Schubertin seinem Wanderbüchlein eines reisenden Gelehrten (1823), aus dem Ballet in Veronamitgenommen, wird ohne Zweifel jeder deutsche Zuschauer von gesundem unverbildetemSinne natürlich finden: „Ein Ballet gab's auch dazwischen zu sehen. Nahm sich im
Anfang ganz bunt und artig aus, wenn die Schaar von kleinen Kindern unter Hirtenund Hirtinnen sich bewegten oder kleine Knäbchen nach dem Takte der Musik auf einem