Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
940
Einzelbild herunterladen
 

940

Französische Sprache.

Von diesem wissenschaftlichen Centrnm ans mag dann der mündliche Unterrichtbei der Lectüre, bei den schriftlichen Arbeiten und andern praktischen Ucbungen die In-telligenz der Schüler allmählich weiter an die Peripherie führen; die Erweiterung dergrammatischen Einsicht wird dann leicht und nicht dogmatisch, sondern durch Selbstbe-thätigung der jugendlichen Geisteskräfte erreicht.Einen tüchtigen Stoff nehmen,"sagt ein erfahrener Pädagog,aus ihm die größte Kraftentwickelnng gewinnenund aus Klugheit und Dankbarkeit diesen Stoff hartnäckig festhalten:das ist das richtige didaktische Princip. Befolgt man es einmal versuchsweise, so findetman, daß es nicht allein dem Denken selbst eine größere Konsistenz und Sicherheit gicbt,sondern auch den Charakter merklich stählt." (Hollenberg).

b) Der franz. Unterricht für praktische Zwecke. Vorbemerkungen: An vielendeutschen Schulen herrscht ein Widerspruch zwischen rem von den Behörden aufgestellten Zweckedes franz. Unterrichts und der Lehrmethode. Die Behörden sehen ohne Ausnahme in der prak-tischen Nützlichkeit des Französischen dessen einzige Berechtigung als Unterrichtsgegenstand;die Lehrmethode müßte daher auch auf den praktischen Gebrauch, d. h. auf die Erzielungeiner Fertigkeit im Sprechen, schriftlichen Ausdruck und Verständnis von Schriftwerkenberechnet sein. Und allerdings war das im vorigen Jahrhundert der Fall, als die meistenhohern Schulanstalten, wo Französisch gelehrt wurde, geborue Franzosen als Sprach-meister hielten. Gegenwärtig überwiegt dagegen namentlich an Gymnasien das Princip dergrammatischen Methode, welches bei jeder Gelegenheit auch öffentlich vertreten wird.So adoptirte die Versammlung der westfäl. Gymnasiaidirectoren (am 10. Dec. 1851)folgenden Satz des Dir. Thiersch:Wenn der franz. Unterricht auf Gymnasien nebendem praktischen Ziele auch ein ideales verfolgen, d. h. formale Geistesbildung durch gram-matische Erkenntnis der Denkgesetze bezwecken solle, so könne er sich nur für die Anwen-dung der grammatischen Methode entscheiden, d. h. derjenigen, vermöge welcher das Fran-zösische wie das Latein gelernt werde, nicht ex nsu." In Bayern, wo die Einfüh-rung in die franz. Literatur als Hauptzweck gilt, werdenUcbungen in der Sprache zumGebrauche im Leben ausgeschlossen, weil keine Zeit dazu sei." (vr. von Jahn, Programmv. Schweinfurt 1855). Daneben erheben sich besonders in Westdeutschland, wo das Be-dürfnis am nächsten liegt, Stimmen, welche die Sprechsertigkeit als Hauptziel des franz.Unterrichts hinstellen und auf Beseitigung der sogen, theoretisirenden Methode dringen.Die Schule hat sich hier vor nachtheiligen Extremen zu hüten. Ans den vorhergegan-gencn Untersuchungen ergab sich, daß der bedeutendste Theil der franz. Grammatikerst auf der obern Lehrstufe geistbildend wird, weil er da erst wissenschaftlich bewältigtwerden kann; von einer überwiegend grammatischen Behandlung des franz. Unterrichtesin den untern und Mittlern Elasten kann also keine Rede sein, wenn man nicht in einerhöchst unpädagogischen Weise das Formalbildende im Französischen mit dem davonwesentlich verschiedenen im Lateinischen verwechseln will. Es ergab sich ebenfalls, daßdas ganze Gewicht des franz. Unterrichts nicht auf die Literatur, sondern ans die Sprachefallen müße; wenn daher auf den untern und Mittlern Lchrstufcn die Grammatik diesesGewicht nicht tragen kann, so muß das Sprachmaterial in ausgedehnter Weise praktischangeeignet werden. Es wird sich im Folgenden zeigen, daß dieses ein ebenso naturge-mäßer als für die Ucbnng der Geisteskräfte der Jugend dienlicher Weg ist.

1) Der franz. Unterricht für den mündlichen Gebrauch. Sehenwir zuerst, ob die Erzielung einer Sprechfertigkeit (die Bonjouriaden der soge-nannten Con v ersati onssprache sind nicht damit gemeint, sie gehören üderhanptnicht auf die Schule) für die Jugend bildend sein kann. Die mündliche Hand-habung der Sprache verlangt zunächst eine umfangreiche, stets gegenwärtige Kenntnisder Formenlehre, deren Schwierigkeiten, obgleich weniger zahlreich als im Latei-nischen, durch die verschiedenartigen Stellungen der Pronomina, Negationen u. s. w.vermehrt werden. In vielen Fällen (bei Adjectiven, Satzadjectcn u. a.) erfordert dieWortstellung sogar Scharfsinn und Takt, da ein falsch gestelltes Wort dem Satze einen