Frömmigkeit.
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der natürlichen Beschaffenheit und Lage der Individuen an. Die Frömmigkeit ist beidem einen vorherrschend heiterer Art; die Zuversicht, mit welcher der Mensch die Ver-söhnung mit Gott in Christo ergriffen und mit welcher er sich sowohl über sein eigenesSündenelend, als über das der Welt zu erheben gelernt hat, macht es ihm möglich,sich einem gewissen unbefangenen Lebensgenüsse hinzugeben, der im übrigen seine heiligeSchranke an eben dem hat, wodurch er möglich geworden ist. Bei dem andern nimmtsie mehr den Charakter ernster Lebensanschauungen an, so daß der Mensch, ohne darumfür sich und in Beziehung auf andere der Freudigkeit gegen Gott zu entbehren, dochmehr unter dem Eindrücke dessen steht, was noch zu erstreben, als dessen, was bereitsgewonnen ist. Bei innigen, sinnigen Gemüthern wird die Frömmigkeit mehr durch denüber das ganze Leben sich gleichmäßig ausbreitenden Ton der heiligen Liebe zu Gottund Menschen sich zu erkennen geben, bei lebendig erregten mehr durch lebhaften Aus-druck im Wort und begeistertes Ergreifen solcher Werke, in welchen sich die Gesinnungaussprechen kann. Die Lebhaftigkeit der Aeußerungen wird überhaupt mit dem Altereher abnehmen und einer intensiveren Stärke derselben Platz machen. Dem kindlichenund jugendlichen Alter gehört vorzugsweise die Thätigkeit der frommen Phantasie an,daher die große Empfänglichkeit gesunder kindlicher Seelen für die biblische Geschichte,für die Idee des Engelschutzes u. dgl., die mit möglichster Sorgfalt zu nähren sind.Mit der Entwicklung des Verstandeslebens (um die Zeit, wo das Lernen beginnt) ist esdie fromme Wißbegierde, die besondere Aufmerksamkeit erheischt, und die Liebe zum öffent-lichen Gottesdienste, die mit Ernst und anhaltend gepflegt werden muß. Im übrigengeht jedes naturgemäß sich entwickelnde Kind durch eine Stufe des Pelagianismus hin-durch. Seine Gedanken sind: wenn ich brav bin, fromm bin, fleißig bete und lerne, sokomme ich in den Himmel (vgl. Luthers Brief an fein Söhnchen). Dem zarten Alterliegt die tiefere Sündenerkenntnis und das Verständnis der geschenkten Gerechtigkeit imBlute Christi noch ferne. Erst gegen die Unterscheidungsjahre hin entwickelt sich derSinn auch hiefür.
Von der gesunden Naturanlage zur Frömmigkeit ist die kranke zu unter-scheiden, welche in pathologischen Störungen des Gemüths- und Geisteslebens ihre Wurzelhat und durch ungesunde Steigerung oder Herabstimmung desselben die Neigung ent-weder zur Ueberschwenglichkeit oder zur ängstlichen Gesetzlichkeit hervorruft, wobei fürden Erzieher besonders darin eine schwere Aufgabe liegt, die wirklich reinen Elementesolcher Triebe von den krankhaften zu sondern. — Ueberhaupt aber handelt es sich beidiesem Gegenstände der Erziehung sehr darum, daß das Wahre stets vom Falschen un-terschieden werde. Denn jeder dieser Richtungen geht auch wieder die besondere Gefahrzur Seite, auszuarten und ein Zerrbild der Frömmigkeit darzustellen. Die mil-deste Art solcher Verkehrung ist der Pietismus (im engeren technischen Sinne), d. h.diejenige Richtung der Frömmigkeit, bei welcher das Hauptgewicht darauf gelegt wird,daß das Gottesleben als ein persönlich wirklich gewordenes in den Empfindungen desEinzelnen und deren Ausdrücken erkennbar sei, während man einestheils die Möglichkeitoder die Nothwendigkeit leugnet, innerhalb des Weltlebens die Frömmigkeit darzustellen,anderntheils die Beziehungen zur Welt auf das für die persönliche Existenz Unumgäng-liche beschränkt, daher insbesondere von den größeren geselligen und politischen Thätig-keiten sich entfernt hält. Bei weiterer Verfolgung dieser einseitigen Richtung entsteht derSeparatismus, der selbst von der allgemeinen christlich-kirchlichen Gemeinschaft sichlossagt, um den Gegensatz gegen das mit ihr verbundene schlechthin Weltliche desto ent-schiedener ausdrücken zu können; nach anderer Seite hin geht der Pietismus in denQuietismus über, wenn der innerliche Besitz und Genuß des Göttlichen gegenübervon der thätigen Frömmigkeit ausschließlich betont wird. Sentimental wird die Fröm-migkeit, wenn die zarten Empfindungen über den kräftigen, die wehmüthigen über denfreudigen zur Gewohnheit werden; zur Schwärmerei steigert sie sich, wenn die In-nigkeit und Lebendigkeit des Gefühls auf Kosten der verständigen, klaren Erkenntnis und