Druckschrift 
2 (1860) Director - Globus
Entstehung
Seite
544
Einzelbild herunterladen
 

544

Friedrich der Große.

Realschulwesen (vgl. d. Art. Realschule), das trotz der großartigen Anlage derHecker'schen Anstalt, trotz der allgemeinen Gunst, die es allenthalben beim Publicumgenoß, damals doch noch nicht bestimmt war, neben den Gymnasien einen eigenthümlichenWeg zur höheren Bildung anfzustellen, sondern lediglich dem Leben und seinen Bedürf-nissen in möglichst directer Weise zu dienen. Es waren die Gymnasien, die Ritter-akademien und die Universitäten, in deren Sphäre Friedrich der Große am meisteneigene Gedanken durchznführen suchte und von den ersteren im Grunde wieder nur diegrößeren und berühmteren Anstalten: mit einem Worte die Bildungsstätten des Adelsund der höheren Beamtenwelt. Auch die häusliche Erziehung und zwar sowohl desweiblichen als des männlichen Geschlechtes in diesen Ständen beschäftigte ihn, nament-lich in der zweiten Hälfte seiner Regierung, sehr lebhaft. Von den Gymnasien ver-muthet Preuß (III, S. 118), daß der König sie wohl nicht recht gekannt habe, alleindies geht aus der von ihm erwähnten Stelle der lsttro sur l'öäuoation nicht hervor.Der König nennt einige der größten Gymnasien und bemerkt, daß sie tüchtige Lehrerbesitzen und daß der einzige Vorwurf, den man ihnen machen könne, zu einseitige Hebungdes Gedächtnisses auf Kosten des Selbstdenkens sei. Man kann nicht annehmen, daßFriedrich auch bei größerer Detailkenntnis und Autopsie, die ihm freilich fehlte, diesUrtheil würde geändert haben*). Denn Weckung des Nachdenkens und der Selbst-thätigkeit war so recht eigentlich sein pädagogisches Princip. Er faßte dasselbe schroffund scheute sich nicht hinsichtlich des Stoffes auf manchen Gebieten geradezu Ober-flächlichkeit zu fordern, damit nur der Ueberblick, das Urtheil, die Herrschaft des Sub-jectes über das Object erhalten werde. Und Friedrich vertraute der Erziehung viel, ermuthete ihr viel zu. Ihm lag der Gedanke fern, daß man, indem man dem Geistpositive Nahrung giebt, die Entwicklung der Selbstthätigkeit großentheils der Naturüberlassen dürfe. Friedrich wollte, daß seine Unterthanen räsonniren sollten under verlangte, daß man es sie lehre; wo möglich bis zum geringsten Bürger und Bauernherab, auf jeden Fall aber in den höheren Ständen. Bei alledem war er nichtsweniger als pädagogischer Formalist. Unsre heutigen Formalisten ordnen den Inhaltder elastischen Schriftsteller an directem Werth der Geistesarbeit des genauen gramma-tischen Verständnisses unter. Um das letztere ist es Friedrich wenig zu thun. Erempfiehlt einen möglichst ausgedehnten Gebrauch von Uebersetzungen**) neben den Ori-ginalen, damit nur vor allen Dingen ein schneller und klarer Einblick in den Inhaltgewonnen werde. Cicero, Tacitus und ganz besonders Qu in tili an sind ihm Lehr-bücher der Philosophie, der Moral, der Geschichte, der Staatskunst, der Rhetorik. Nachdem schnellen und in der Hauptsache klaren Aufnehmen des Inhalts folgt die Bespre-chung und Verarbeitung des Stoffes; dann lernen die Schülerräsonniren". Amconsequentesten hat Friedrich dies System wohl ausgebildet in seiner Instruction für

*) Wir setzen aus der schon Band I, S. 294 citirten Cabinetsordre vom 5. Septbr. 1779noch einiges bei:Latein müssen die jungen Leute absolut lernen, davon gehe ich nicht ab, esmuß nur darauf reflectirt werden, auf die leichteste und beste Methode, wie es jungen Leutenam besten beizubringen; wenn sie auch Kaufleute werben und sich was anderem widmen, wie es auf dasGenie immer ankommt, so ist ihnen das doch allezeit nützlich und kommt schon eine Zeit, wo siees nützlich anwenden können." Die Religion will er so gelehrt wissen, daß die Leute nicht steh-len und morden, fügt aber hinzu:Diebereien werden indes nicht aufhören, das liegt in der

menschlichen Natur; denn natürlicher Weise ist alles Volk diebisch, auch andere Leute und solche,die bei den Kassen sind und sonst Gelegenheit dazu haben." D. Red.

**) lieber die Art, wie Friedrich der Große sich selbst an französischen Uebersetzungen derClassiker gebildet hatte, den Werth, den er auf ihren Pädagogischen Gebrauch legte, und den Ein-fluß, den er ans das Entstehen guter deutscher Uebersetzungen übte, vgl. Bonnells Abhandlungin dem Progr. des Friedrich-Werder'schen Gymn. Berl. 18SS :Friedrichs des Großen Verhältniszu Garbe und dessen Ucbersetzung der Schrift Cicero's von den Pflichten nebst einer Betrachtungüber das Verhalten der Schule gegen die Uebersetzungen der alten Classiker."