308
Ethik.
ob es gut oder böse sel, geprüft werden könne. Dahin gehören die Sätze: „Benimmdich immer so, daß du durch keine Handlung der Wahrheit oder dem Wesen der Sache,womit du zu thun hast, widersprichst" (Wollaston, s. über ihn Hartenstein a. a.
0. S. 99. und Feuerlein a. a. O. II. S. 42); „durch Beförderung des gemeinschaft-lichen Wohles befördert jeder sein eignes Wohl; oberster Grundsatz ist also die Einheitvon Wohlwollen und Selbstliebe" (S h aftesburh); „handle so, wie es dir und derGesellschaft nützlich ist; die Tugend ist die Kunst, richtig zu rechnen, um das größteVergnügen, zu dem aber auch Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit gehört, zu gewinnen(Hume); „handle gemeinnützig" (Pufendorf); „thue alles dasjenige, was das Wohlder menschlichen Gesellschaft, wovon du ein Theil bist, befördert" (Leß); „suche die aus-gedehnteste Glückseligkeit zu befördern, weil Gott diese will" (I. D. Michaelis); „thuedas, was dich und andre vollkommen macht — vollkommener aber wird der Mensch nurdadurch, wenn seine Handlungen und sein durch sie bestimmter Gesammtzustand untersich selbst und mit dem Wesen und der Natur des Menschen übereinstimmt" (Ehr. Wolf;theologisch acceptirt und durchgeführt worden ist dieses Princip von Reinhard); „thuealles, was dazu erforderlich ist, um in der Union mit Gott zu bleiben und in derWiederherstellung des göttlichen Ebenbildes forczuschreiten; was dem entgegen ist, dasunterlaß" (Buddeus); „handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zumPrincip einer allgemeinen Gesetzgebung erhoben werden kann" (Kant); „handle ver-nünftig" (Ammon, der das Kriterium des vernünftigen Handelns ganz nach kantischerWeise näher bestimmt); „strebe nach Freiheit; jedem Ereignis, Trieb oder Leiden gegen-über setze dich als schlechthin Selbständiges; ich bin frei, ist oberster Glaubenssatz, ichsoll frei sein, oberstes Gesetz (I. G. Fichte); „handle gemäß dem Gefühl der wahrenMenschenwürde, welche die Schrift nennt 1 Kor. 11, 7" (de Wette, S. L.
1. S. 242). Von diesen Sätzen allen gilt dasselbe, was von ähnlichen sogenanntenPrincipien der Pädagogik zu sagen ist: entweder sind sie rein formell, so daß sie ihrenrealen Inhalt erst anderswoher empfangen müßen, daher sie, je nachdem man sie ver-steht und anwendet, ebensowohl richtig als falsch sein können; oder geben sie nur eineeinzelne Seite des sittlich Guten an, so daß es unmöglich ist, ans ihnen alle ethischenSätze abzuleiten. Daher hat die Herbart'sche Schule (s. namentlich Hartensteina. a. O- S. 38 f.) von vornherein darauf verzichtet und es für durchaus nicht noth-wendig erklärt, einen einzigen Satz als Princip der Moral an die Spitze zu stellen;sie geht lediglich von der Thatsache des Bewußtseins aus, daß es in Bezug auf dasmenschliche Wollen eine unwillkürliche, sich absolut geltend machende Billigung oder Mis-billigung giebt, die den Werth alles Wollens und zwar nicht der einzelnen Willensbe-wegung als einzelner, sondern als Glied eines ganzen Organismus bestimmt; (denn„durch jedes Wollen wird zu irgend einem Theile der Werth der ganzen Person mit-bestimmt" S. 33) und die Ethik ist nun (S. 35) die Wissenschaft von dem absolutenWerthe des Wolleus und dem aus ihm hervorgehenden Handeln. Den Maßstab diesesWerthes aber haben wir ebenso ursprünglich in den ethischen Ideen, d. h. in denjenigenMusterbildern, an denen sich, sobald und so oft sie in die Darstellung treten, jenesabsolute Wohlgefallen äußert. (Daher hängt bei Herbart die Ethik zu allernächst mitder Aesthetik zusammen.) Diese Ideen sind theils ursprüngliche: 1) die Idee der innernFreiheit; 2) die Idee des Wohlwollens; 3) die Idee des Rechtes; 4) die Idee der Billigtkeit; (einen pädagogischen Reflex dieser Ideen finden Wirbel Waitz, wenn er sAllg. Päd.S. 63 ff.j als Zweck der Erziehung die Bildung zur innern Freiheit, zum Wohlwollen,zur Hingebung an die Interessen der Menschheit annimmt;) theils gesellschaftliche: 1) dieRechtsgesellschaft; 2) das Lohnsystem; 3) das Verwaltungssystem, 4) die beseelte Gesell-schaft (worunter „der allgemeine Geist und die Erziehung" eine Hauptstelle einnimmt,nachdem schon unter Ziff. 3 die „erziehende Liebe" Platz gefunden hatte). Es ist vonFeuerlein a. a. O. S. 243 und 245 richtig darauf hingewiesen, daß, je mehr in HegelsAnschauung von der Wirklichkeit das Moment des Sollens vermißt werde (s. unten),