302
Ethik.
aber bereits auch hervor, daß diese so nahe Verwandtschaft der Pädagogik mit derEthik dennoch nicht bis zur Identität beider ausgedehnt werden kann. Die Ethik bietetder Pädagogik die allgemeinen Grundlagen dar; diese empfängt von jener ihr Princip,empfängt das Maß, an dem sie ihre eigenen Bestrebungen und Leistungen zu messenhat; der ganze Geist, in welchem die Pädagogik ihre Aufgabe faßt und löst, wird be-stimmt durch die von ihr vorausgesetzte Ethik, so daß man z. B. von einem Päda-gogen, auch wenn er nie über seine ethischen Uebcrzeugungen sich äußern würde, immersagen kann, seine Erziehungsweise (ob sie nun bloße Praxis oder auch als Theorievon ihm gedacht ist) sei der Wärmemesser für seine Ethik. Während aber hiernachnicht bloß einzelne Theile der Ethik es sind, die auch den Pädagogen berühren, weilalles, was sittlich ist und zu sittlichen Zwecken dient, durch die Erziehung dem erst zubildenden menschlichen Individuum angeeignet werden soll, so ist dagegen gerade dieseAneignung, diese Ethisirnng durch Erziehung darum wieder eine besondere Aufgabe, weilsie als das zu ethisirende Subject nicht den Menschen oder die Menschheit überhaupt, sondernden unmündigen Menschen, das Kind vor sich hat, und zwar in ganz concreten, zeitlich undräumlich bestimmten Verhältnissen, denen gemäß die einzelnen Bildungszwecke, in welchesich der allgemeine und höchste, d. h. ethische Zweck dirimirt, sowie die einzelnen Mitteldazu (z. B. im jeweiligen Stande der Schulen, im jeweiligen Stadium der allgemeinenBildung, im Ertrage der mit verschiedenen Methoden gemachten Erfahrungen u. s. f.)historisch sich gestaltet haben. Mit Einem Worte: die Pädagogik wird zur speciellenTechnik in einer Weise, wie es die Ethik nie werden kann. Das Verhältnis der Päda-gogik zur Ethik ist ganz ähnlich dem, in welchem zu letzterer die Politik steht; auchdiese muß von der Ethik ihre Priucipien empfangen, nicht zwar, als wäre das Principder Ethik auch selbst schon das der Politik, wie sie allerdings das der Pädagogik ist,doch so, daß auch jenes ein von der Ethik anerkannter, in ihrem System eine Stelleeinnehmender Willenszweck sein muß; (wenn die Staatskünstler häufig ihre Ethik vonihrer Politik, statt ihre Politik von der Ethik beherrschen lassen, so haben sie das nichtbloß für sich als Individuen vor dem Sittengesetz zu verantworten, sondern es ist als-dann auch ihre Politik als Politik eine schlechte, wie man doch endlich aus der Ge-schichte sollte gelernt haben, vergl. Rothe a. a. O. III. S. 901 f.;) aber die Technikder Leitung eines Staates hängt noch von vielen andern Momenten ab, deren Kenntniseben den Politiker im Unterschiede vom Ethiker ausmacht. So muß der Ethiker nichtnothwendig auch das Detail der Pädagogik kennen, wie ein Schulmann dieses kennt;aber desto gewisser darf der Pädagog vom Fache, will er anders ans vollständige, d. h.auch wissenschaftliche Fachbildung Anspruch haben, in der Ethik kein Fremdling sein.Dieser Forderung entsprechen viele Schulmänner von anerkannter Tüchtigkeit, die wäh-rend ihrer praktischen Laufbahn vielleicht nicht mehr zu philosophischen oder theologischenStudien kommen, doch im wesentlichen dadurch, daß ihnen als Christen die Ethik desChristenthums innewohnt, und daß sie als denkende und gebildete Männer ihre sitt-lichen Uebcrzeugungen, ihre ganze Welt- und Lebensanschauung wie ihre praktischenGrundsätze nicht bloß als ein Erbstück vom Elternhaus und von der Schule her bei-behalten, sondern daß sie dieselben innerlich verarbeitet, zur Klarheit und Einheit ge-bracht und sich sowohl befähigt als gewöhnt haben, sich über ihr eigenes Wollen undThun Rechenschaft zu geben, wie auch über alle Begebenheiten und Handlungen, die inihren Gesichtskreis fallen, sich ein festes Urtheil zu bilden. Aber nur um so mehrwerden dieselben damit einverstanden sein, daß es dem Pädagogen Wohl zu Stattenkomme, in der Ethik auch nach ihrer wissenschaftlichen Gestaltung sich umzusehen; sie istihm zwar nicht diejenige Doctrin, die ihm unmittelbar über seine Berufsthätigkeit zuwissenschaftlichem Bewußtsein verhilft, — das ist die Pädagogik, — aber doch für dieseselbst die Fundamentalwissenschaft, die Prämisse, ohne die auch sein pädagogisches Wissenund Können des wissenschaftlichen Charakters, der klaren Begründung entbehrt. Diesmacht eS einer pädagogischen Enchklopädie zur Pflicht, unbeschadet ihres speciellen