Dramatische Aufführungen.
27
daraus zogen, am Weihnachtsabend aufgeführt. Der Zug sprach in den Häusern vorund vollzog bei den Kindern die Christbescheerung. Daneben fanden aber auch Auf-führungen wirklicher Weihnachtskomödien statt, die die Geburt des Herrn selbst behan-delten. Namentlich läßt sich diese Sitte aus Thüringen Nachweisen, wo sie sich bis zuAnfang des 18. Jahrhunderts erhielt. Damals erhoben sich die Geistlichen gegen denvielfach dabei verübten Unfug und gegen die „schädlichen Weihnachts-Larven, so maninsgemein heiligen Christ nennet."
Der dreißigjährige Krieg hatte die Pflege des Schuldramas unterbrochen. Nachdem Kriege nahm dasselbe einen neuen Aufschwung, wenn auch in veränderter Gestalt.Schauspiele aus der weltlichen Geschichte, moralische Tendenzstücke, Sing- und Schäfer-fpiele, daneben lateinische für unmittelbare Schulzwecke gefertigte Komödien nach Neposund Curtius, so wie französische Stücke verdrängten immer mehr die biblischen Stoffe.Der Zweck der geselligen Bildung wurde dabei als der wichtigste hervorgehoben.Leider aber verschmähte man es nicht, auch rohe und unsittliche Productionen — esgenüge an die Stargaris (Raumer, Gesch. der Pädagog. II., 101) zu erinnern —Schülern und Zuschauern zuzumnthen.
Auf dem berühmten Schultheater zu Zittau, dessen Geschichte bis 1505 znrückreicht,wurden alle Jahre in der Fastnachtswoche drei Schauspiele aufgeführt. Während diefrüheren Rectoren — Gerlach, Preil, Keimann — vorzugsweise biblische Stücke gaben,wurde Christian Weise, Rector zu Zittau von 1678—1708, der fruchtbarste undbedeutsamste Vertreter der neuern Richtung. Er verlegte die Spiele in die Michaelis-woche und ließ am ersten Tage ein biblisches, am zweiten ein historisches Stück, amdritten eine freie Erfindung geben. Zuweilen schloß sich als viertes — ganz nach Artder alten Trilogien — ein Possenspiel an. Die Zahl seiner Schuldramen wird auf100 angegeben. Sein Hauptzweck war praktische Vorbildung fürs Leben. Die Schülersollten recht reden lernen und zu einer „geziemenden llarckissss" aufgemuntcrt werden.Er gab dabei Anleitung zu richtiger Pronunciation und Action. Durch den Inhaltseiner Stücke sollten Regeln der Klugheit und Tugend in anmuthigen Reden undExempeln recommandirt werden. Trotzdem fehlte es nicht an höchst anstößigen undmindestens platten Stellen. Gegen das Ansehen dieser Stücke, die viel in Sachsen ge-spielt wurden, erhob sich Gottsched, der bei seinen Reformbestrebungen für dasDrama hauptsächlich das Schultheater im Auge hatte. Die Stücke seiner „Schaubühne"wurden bald auch auf den beliebtesten Schultheatern zu Görlitz, Annaberg und Zittauaufgeführt. Gottsched erwartete von diesen Aufführungen für die Schulen große Vor-theile: Hebung des Gedächtnisses, Unerschrockenheit vor einer großen Versammlung auf-zutreten, wohlanständiges Reden und ungezwungene Art in äußerlichen Geberden. Außer-dem sollten sie Probiersteine zur Erkenntnis der Fähigkeiten der Schüler werden. „Nurdiejenigen werden einmal beliebte und geschickte Prediger, gute Lehrer und angenehmeHofleute werden, die ihre Rollen in den Schulkomödien mit besonderer Anmuth undLebhaftigkeit spielen können."
So hielt sich die Schulkomödie auch noch im 18. Jahrhundert in Sachsen, Schle-sien und einigen andern Ländern, während sie an andern Orten verboten wurde. InPreußen wurde 1718 verordnet: „Komödien und aotns äramatioi sind in Schulengänzlich abzuschaffen und dagegen die Jugend zum Peroriren anzuhalten." DasDresdener Nescript von 1702 behandelte die Frage liberaler: „Wir können auch lassengeschehen, daß des Jahres etwa einmal Komödien oder Tragödien gehalten, die Themateaber hiezu vornehmlich aus der heiligen Schrift oder der llistoria saora, nach Gelegen-heit aus der llistoria romana st gsrumuisa genommen werden; jedoch daß dabei alleUeppigkeit und Aergernis, auch Vanität vermieden, sowohl liederliche Weibs- als andereärgerliche Personen davon bleiben mögen." Die letzten Aufführungen werden aus Ber-lin (1762), Schleusingen, Hannover (1772 Goethe's Clavigo), Breslau (1783) undZittau erwähnt.