Württembergs das höhere Schulwesen.
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nannte, der Bauer, der Taglöhner, der Arbeiter, mit ihren Bildungsbedürfnissen in derSchulzeit ausschließlich angewiesen, hier empfangen sie die Grundlage ihres Glaubens,ihrer Charakter- und Gemüthsbildung. Da gilt es denn, nüchtern zu sein, „über demIdeal nicht das absolute Bedürfnis, über dem Schönen, aber Unerreichbaren nicht dasunbedingt Nützliche vergessen." Jene Grundsteine bedürfen der Solidität mehr, alsder Politur. Bedenkt man, daß Lesen und Schreiben die deutsche Sprache in sich schließt,daß zum Lesen auch das Lesebuch gehört und daß dieses gar viel ansprechenden, den Ge-sichtskreis räumlich und zeitlich erweiternden Inhalt bietet, so wird man, eine intensive Aus-nützung von dem allein in sachlicher und sprachlicher Richtung vorausgesetzt, das Verlangennach einer weiteren Extension mäßigen können. Jene neuen Fächer machen starke Anfor- "derungen an die Bildung und das Geschick des Lehrers; kann er diesen nicht entsprechen, sowird seine Zeit und Kraft besser, für ihn selbst und seine Schüler befriedigender anders ange-wendct. In reicher organistrten Schulen können sie immerhin am Platze sein; solche mögennoch anderes in sich aufnehmen, mit um so mehr Recht, je mehr sie sich den höherenSchulen nähern. Zunächst hat man die einfache Volksschule ins Auge zu fassen. Wennman aber ferner erwägt, daß bei dem Unterricht und durch den Unterricht der Schülerzugleich erzogen, daß die sittlich bildende Kraft, welche mehr oder weniger sämmtlichenFachern inwohnt, vor allem entbunden werden soll, und daß der Lehrer in dieser Rich-tung das Beste nicht durch das wirkt, was er weiß und sagt, sondern durch das, waser ist, so wird der Werth der Leistungen im Wissen gegenüber den Ansprüchen an diesittliche Wirksamkeit der Schule noch mehr in den Hintergrund gerückt. Lieber geregelteund allgemein vorgeschriebene Fortbildung nach der Confirmation und alsdann gesteigerteAnsprüche an die Auffassung und Leistung der heranreifenden Jugend, als Ueberforderungin dm jüngeren Jahren! (Vgl. den Art. Ehr. H. Zeller.)
Eine andere Gefahr scheint uns in der häufig warnehmbaren'Uebcrschätzung desWerthes einer sogenannten rationellen Methode zu liegen. Die Kunst des entwickeln-den Unterrichts hat etwas bestechendes; der Lehrer selbst kommt leicht dazu, daß er sichdarin gefällt und eine virtuose Leistung dieser Art für seinen Triumph hält. Mit einigerGewandtheit kann er dann bei einer Prüfung den Anwesenden unschwer Sand in dieAugen streuen. Der Kundige aber merkt, daß das nur „schön Schattenspiel an derWand" ist, daß die Schüler zwar die gewünschten Antworten regelmäßig zu geben wissen,daß es ihnen aber an wirklichem innerem Verständnis, an klarem positiven Wißen, anSicherheit und Fertigkeit fehlt. Zur Erzielung dieser Sicherheit gehört ein hohes Maßvon Selbstentäußerung, von Treue, Liebe und Geduld. Es gab vor einiger Zeit mehrfertige Rechner und Rechnerinnen in den Volksschulen, als neuerdings. Auch darüberkann man treue Lehrer klagen hören, daß die Sicherheit im Lesen gegen früher entschie-den abgenommen habe. Wenn ein Lehrer einen beschränkten Stoff mit seinen Schülerntüchtig verarbeitet (s. unfern Art. Einübung), so daß sie sich ihn wirklich aneignen undden darin enthaltenen Honig aus demselben gewinnen, so erwirbt er sich ein größeresVerdienst um die Schule und mehr Ansehen in der Gemeinde, als ein anderer mit einemreichen Stundenplan, der mit seinen didaktischen Künsten flunkert.
Ausführlicheres über mehrere der im Obigen berührten und verwandte Puncte s. indem Art. Volksschule und in dem Zusatz der Rcdaction zu dem Art. SchulregulativBd. VIII. S. 230—243.
Auf dem Gebiet des höheren Unterrichts nehmen wir in neuerer Zeit in Be-treff der Realschulen eine Gährung bei uns war, die zu einem schlimmen Ergebnissichren könnte. Die mit dem Wehrsystem zusammenhängenden Berechtigungen, somit einäußerlicher Grund, legen den Bevölkerungen kleinerer Städte den Wunsch nahe, Anstaltend°n dem Rang der norddeutschen Progymnasien oder Realschulen zweiter Ordnung zuerhalten und zu diesem Behuf wegen Ersparnis an Lehrkräften ihre kleinen Latein- undRealschulen zusammenzuwerfen. Man wird beides zu erhalten glauben und statt dessenNdag. Encyllopiidic. X. 37