Vorurtheilc.
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Landleute derselben ergeben sind, sondern — man denke an das Tischrücken und Gcister-klepsen — auch Menschen, die ihren Bildungsgang durch gehobene und hohe Schulen ge-nommen haben. Der Sitz des Aberglaubens liegt tiefer als im Gchirnlcben, und ver-gebens kämpft man gegen die Gedankenrcflcxe desselben allein mittelst der Verständigkeit.Ucbcrdem hat die bloße Verständigkeit ebenfalls ihre eigenen Vorurtheilc, sie ergeht sichleicht in einem substanzlosen Denken und Meinen, ncgirt Thatsachen, wenn diese sichMt iu daö Hirngespinnst fügen wollen und miskcnnt die Macht des Unbewußten imLeben, nicht bloß des Leibes, sondern auch des Geistes. So geschieht cs denn nichtselten, daß der Spruch zutrifst: „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren ge-worden." — Merkwürdig, wie die neueste Philosophie eben nach jenen dunklen Gründendes geistigen Lebens forscht und geneigt wird, Thatsächlichcs in gewitzen Erscheinungenanzucrkenncn, welche von den Verständigen längst inS Fabelbuch geschrieben waren.Goethe legt irgendwo den Satz ein: „Der Verständige findet alles lächerlich, der Ver-nünftige nichts." Man wird nicht übel thun, darüber nachzudcnkcn. Häufig besteht derKamps der Meinungen nur darin, daß Vornrtheil wider Vorurtheil ins Treffen geht,und dann mag siegen wer da will, so ist nichts gewonnen, und ist kein Friede da; dennMllioimm eoiumenta äelot äies, rntiouis juclioiu conürmnk. Nur der vernünftigen,d. h. tiefer blickenden und der Erfahrung folgenden Ueberlegung gebührt und wird endlichder Sieg.
Manchmal sind Vorurtheilc nur die in das Gebiet der Reflexion vorgeschobenenPosten einer Grundstimmung in Gcmüth und Willen. Von dieser Art sind z. B. dieStandesvorurtheile, sofern sie auf Einbildung beruhen — Adelsstolz, Bildungshochmuth,Kasten- und Corpsgeist, z. B. beim Militär, bei Studenten u. dgl. Unpädagogisch wäree§ gewiß, namentlich der Jugend gegenüber, hier durch bloße Verhöhnung ankämpfen undheilen zu wollen; man hat vielmehr an das uolllesso odlissö zu appelliren und danebendie Beschämungen, welche jeder Uebcrmuth sich selber zuzieht, zum Bewußtsein zu bringen,könnte man freilich dem jungen Menschen, der gestiefelt und gespornt durch die Straßenschreitet und hoch herab auf Philister und Volk sieht, sein eigenes Jammerbild vorausphotographiren, wie er wenige Jahre hernach um Anstellung und Beförderung antichambrirtoder den Gläubigern hosirt, so möchte ihm der Kamm wohl abschwellen. — Aehnlichdie Vorurtheilc der Einbildung bei den Völkern. Man denke an die Meinung Frank-reichs, an der Spitze der Civilisation zu marschircn, seine Gewohnheit, Paris als dieHauptstadt der Welt anzusehen, das Bemühen, die Siege der Deutschen als Nachwirkungenderjenigen Wissenschaft und Intelligenz zu betrachten, welche vertriebene Hugenotten,wandernde französische Gelehrte zu uns gebracht hätten u. dgl. Man sieht, daß selbstdie nachdrücklichsten Erfahrungen kaum im Stande sind, das nationale Vorurtheil zuberichtigen, und muß hieraus den Schluß ziehen, daß letzteres nur secundär dem Gebietedes Urtheilens, primär und wesentlich dem tieferliegenden Grunde des Willens und derGemüthsstimmung entwachsen ist. Allerdings jedoch wirken solche fixe Ideen auch wiederumzurück auf die geheimsten Lebensgründc, und bedenkt man, daß des Menschen Wort wieeine Frucht seines Gemüths, so auch ein Same für dies Gemüth ist, daß also selbst derPhrase eine Macht beiwohnt, so lernt man begreifen, warum bei alten und neuerenVölkern immer der Zerfall der Sitten und des politischen Lebens Hand in Hand gehtmit der Geltung der Sophisten und Schwätzer, so wird man auch dies als einenwesentlichen Theil der patriotischen Pflicht ansehcn, dem eigenen Volk niemals eineSchmeichelei zu sagen, niemals durch Phrasen und Schlagwörtcr das Urthcil des Volksirre zu leiten und sein Willens- und Gemüthslebcn in Unordnung zu bringen. — Poli-tische Zu- oder Abneigung, politischer Fanatismus leben wesentlich in und von Vorur-teilen, und es sind die Grundstimmungcn, welche diese erzeugen und die Vernunft soblind machen, daß sie morgen vergißt, wie sie heute gedacht. Als z. B. Paris vonunfern Truppen beschossen wurde, hörte man selbst in Deutschland den Parteigeist dasGeschick dieser „schönen" Stadt beklagen, während derselbe Geist hernach die Gräuel der