Druckschrift 
10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
Seite
25
Einzelbild herunterladen
 

Volksschule.

25

festsehen kann. Wie wichtig das richtige Aussprechen der Worte, das Sprechen in voll-ständigen Sätzen der Schriftsprache für die Bildung des Verstandes ist, und wie dadurchalles sonstige Unterrichten erleichtert wird, leuchtet ein; aber auch daS Leben außerhalbder Schule und nach der Schulzeit hat davon einen Gewinn. Die Publicationen derObrigkeit, Gesetze u. s. w. (wofern dieselben wirklich deutsch und nicht in lateinischenSatzbildungen abgcfaßt sind) nicht minder wie das in dem Gottesdienst gesprocheneWort sie werden dem Ohre zugänglicher und kommen besser zum Verständnis beidenen, welche sich die Fertigkeit des reinen Sprechens «»geeignet haben. Je seltener denVolksschülern sonst in Haus und Umgang die Gelegenheit und die Nöthigung zun: rich-tigen Ausdruck nahe tritt, desto pünctlichcr muß die Schule dahin arbeiten, darauf hal-ten. Es ist auch an und für sich disciplinircnd, nöthigt den Schüler sich immerdar zu-sammenzunehmcn, wenn bei allein, was er zu sprechen hat, auf richtige Aussprache undauf Sprechen in ganzen Sätzen gedrungen wird, gedrungen durch das Gebot des Leh-rers und durch dessen Vorbild. Vergebens wird man deutsche Grammatik in einzelnenStunden lehren, wo diese tägliche Uebung in der Handhabung der Muttersprache hintan-gcsctzt bleibt.

Mit der Aufzählung der elementaren Fertigkeiten, wozu die Schüler anzulcitcn undworin sie zu üben sind, darf man aber die Ansprüche der Gegenwart an die Volksschulenicht als erschöpft betrachten, sondern es erhebt sich nun die Frage nach den Gegenstän-den und Wissensstoffen, welche den Kindern der oben bezeichneten Volksclassen durch denUnterricht vorgeführt werden und welche sie kennen lernen sollen.

Beginnen wir mit dem Unterricht in der deutschen Sprache. Ein viel ver-handeltes Thema, aufs mannigfaltigste schon variirt in den Behandlungsarten. DeutscheGrammatik in der Volksschule so treiben, wie man die alten und neuen fremden Spra-chen in gelehrten oder höheren Schulen treibt, ist unmöglich und auch unnöthig. Rich-tiges Sprechen, wie vorhin gesagt, sinn- und tonrichtig lesen, correct schreiben lehren inDictaten und Aufsätzen ist angewandte und fruchttragende Grammatik. Daneben findetsich Gelegenheit, einige Sprachrcgcln zum Bewußtsein zu bringen und einzuprägen, wiedie von den Umlauten, über die Mittelwörter (Participien), in der Syntax durch Aufsuchenvon Subject und Prädicat, durch Hinweisen auf Unterschiede der Satzbildung zwischenMundart und Schriftsprache u. dgl., zuweilen mag auch dcclinirt und conjugirt werdenmit Maße. Solches giebt Handhaben zum Uebcn, aber die Uebung an und für sich istdas wesentliche.

Diese Uebung muß von den ersten Lernanfängcn an getrieben werden mittelst desDringcns auf Sprechen in ganzen Sätzen bei allem elementaren Unterricht, dann durchSchreiben kleiner Sätzchen, bis man dahinkommt, eigentliche Aufsätze nach Vor- undDurchgesprochcnem ausarbeitcn zu lassen; denn eigene Erfindung dem sschulpflichtigenAlter zumuthen ist eine Überforderung. Es kostet dieses Fach viele Mühe und Ge-duld, aber doch ist es eine schöne Mitgabe für das Leben, wenn der schlichte Landmannin den Stand gesetzt ist, in den eigenen Angelegenheiten mit verständlichen Worten sichauszudrücken, oder wenn das erwachende Gcmüthsleben einen Vorrath von Sprachformcnfindet, worin das Innere sich wiedergcben läßt. Möglich und erklärlich, daß die durchschwere Arbeit steife Hand die Schriftzeichen nicht mehr in der früheren regelmäßigenGestalt auf das Papier bringt, daß auch ein und anderes Wortbild sich verwischt hatund cs mit dem Rechtschreiben nimmer sehr correct gehen will; aber ein durch pünct-lichen Schulunterricht entbundenes Sprachvcrmögen überdauert diese Fertigkeiten; davonzeugten z. B. während des letzten Krieges viele Hunderte von Soldatenbricfcn. Daherimmer wieder und vor allem Uebung und nur zur Stütze dieser das Nöthigste ausder Grammatik.

Man sagt freilich, es sollte der Unterricht in der deutschen Sprache als der deut-schen Schule wesentlichstes Fach behandelt, der deutsche Sprachgeist ins Licht gestellt wer-den. Allein wie ohne Vergleichung mit einer fremden oder aber mit der altdeutschen