Volksschule.
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über von unpraktischen Ansprüchen sich auf Jakobs Wort anEsau berufen: „mein Herr,du erkennest, daß ich zarte Kinder bei mir habe.... ich will mählig hinnach treiben"(1 Mos. 33, 13. 14).
So entschieden nun aber den die wirklichen Hindernisse verkennenden Ueber-forderungen entgegenzutrcten ist, ebenso gewiß muß der Anspruch an die Leistungen derVolksschule so gestellt werden, daß bei ihrem Unterricht etwas reelles herauskommtund daß — was nicht genug beherzigt werden kann — namentlich derjenige Thcil desVolkes, welcher mit dem Schicken seiner Kinder in die Schule zugleich ein schweresOpfer zu bringen hat, auch einen wirklichen Gewinn davontragen kann. Schulzwangfordert mit Nothwendigkeit einen ersprießlichen Schulunterricht; dem Verlust an Arbeitfür das Haus und seiner Gegenwart muß der Gewinn an Bildung und Tüchtigwerdenfür die Zukunft gegenüber stehen, wie das Haben dem Soll in einer gut geführtenRechnung. Wohl kann man von einer Masse nicht den schnellen Schritt verlangen,welchen die in der Vorhut befindlichen Elitetruppen haben, aber voran muß sie auchkommen mit festem und sicherem Tritt.
Was ist demnach von der Volksschule zu verlangen? welche Ansprüche kann manan ihre Leistung stellen? welche Ziele sollen ihrem Unterricht gesteckt werden? Aufdiese Fragen gicbt es zunächst eine allgemeine Antwort, die vielleicht als eine oberfläch-liche erscheint, mit der aber doch das, worauf es ankommt, bezeichnet, und zugleich derWeg zu einer gründlichen Orientirung gebahnt wird. Die Volksschule muß ncmlich —sagen wir — dem wirklichen Bedürfnis der Gegenwart und zugleich den Lebensbedin-gungen derjenigen Volks classcn, deren Kinder ihr anvertraut werden, entsprechend einge-richtet werden; danach bestimmt sich, was von Unterrichtsgegenständen in ihren Lehr-plan aufzunehmen ist, in welcher Ausdehnung und Form diese Gegenstände behandeltwerden.
Hieraus folgt dann von selbst, daß einmal gewiße elementare Fertigkeitendurch Lernen und Heben zu erzielen sind. Solche sind in unserer Zeit ohne Frage dasLesen, das Schreiben und das Rechnen. Man kann es begreifen, wenn in früherenJahrhunderten, bei den ersten Anfängen unseres Volksschulwesens, das Rechnen — da-mals noch überhaupt eine difficile Kunst — nicht allgemeines Lehrfach gewesen ist; dieeinfachen Verhältnisse des Landbaus, Dreifelderwirthschaft, Brache, Konsum innerhalbdes nächsten Productionsgebietes, ein Minimum von Betriebscapital für den nach unab-änderlichen Regeln vor sich gehenden jährlichen Anbau — was dazu von Rechnen nöthigwar, konnte leicht ohne die Schule angeeignet werden, und wenn allmählich auch denKnaben ein Unterricht darinnen gegeben wurde, so mochte cs bei den Mädchen damitnoch länger und ohne gefühlten Nachtheil anstehen; — es ist freilich damit sogar inResidenzstädten bis in das gegenwärtige Jahrhundert herein angestanden, so z. B. inStuttgart, wo die Volksschülerinnen jenes Fach nur in einer besonderen „Schulprivat"erlernen konnten. Bei den jetzigen Verhältnissen der Production und des Verkehrs istes unmöglich, sich eine Schule zu denken ohne Rechenunterricht. — Aber selbst dasSchreiben war vor Alters, eben um der einfachen Lebensverhältnisse willen, kein allge-meines Bedürfnis, ja was die Mädchen betrifft, so hat man nicht nur die Nothwendig-keit dieser Fertigkeit für die Dörflerinnen noch gegen das Ende des achtzehnten Jahrhun-derts bestritten, sondern nicht ungerne dem alten Schulmann zugestimmt, welcher imJahr 1772 schrieb: „bei den virZ-inidrm ist das Schreiben nur ein vkllionlnm der Lü-derlichkeit" — eine Ansicht, Welche bekanntlich bis in die neueste Zeit herein in Spanienselbst die Töchter aus höheren Ständen bei ihrem Verkehr mit dem andern Geschlechtauf die Augen- und Blumcnschrift beschränkt hielt. Es bedarf keines Wortes, umdie Fertigkeit des Schreibens für die heutigen Verhältnisse zu legitimiren; bleibt dochdas Lesen unvollkommen, wo nicht zugleich das Schreiben geübt wird; zumal so langewir Deutsche noch mit dieser Mühesal zu ringen haben, die uns durch die große Ver-schiedenheit der Druck- und Schreibbuchstabcn auferlegt ist.