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10 (1875) Vocabellernen - Zwingli und Nachtrag
Entstehung
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Vocabcllcrnen. Vokabularien. Das einzelne Wort bildet Lei der Erlernungund für den Gebrauch der Sprache die erste Grundlage, den natürlichen Ausgangs-punct; die Wörter sind die thatsächlichcn Bestandteile der Sprachmasse, die Glieder,aus denen ein Ganzes oder das Ganze sich zusammensetzt. Das Wort hat die ersteStelle, gleichviel ob cs sich um Erlernung der Muttersprache durch Gewöhnung oderum Erlernung einer fremden todten oder lebenden Sprache unter mehr oder wenigerschulmäßigcm und methodischem Verfahren handelt. Das Kind, wenn es sich zurSprachfähigkeit entwickelt hat, faßt die Wörter, Welche die in seinen Gesichtskreis fal-lenden Gegenstände bezeichnen, mit dem Ohr auf, spricht sie allmählich richtig nachund gewinnt nach und nach einen Vorrath von Wörtern, d. i. lautlichen Bezeichnungenfür Sachen und Begriffe. Muß das Kind im frühesten Alter bei Erlernung derMuttersprache in der Regel den Gegenstand und das ihn bezeichnende Wort gleichzeitigauffassen und lernen, so hat es später, wenn es eine fremde Sprache lernt, den Gegen-stand bereits mehr oder weniger deutlich aufgefaßt oder besitzt wenigstens die Fähigkeit,ihn nach der Aehnlichkeit mit anderen durch Beschreibung und Angabe der Eigenthüm-lichkcitcn aufzufaffen und merkt nur noch den dafür in der Sprache vorhandenenAusdruck.

Muß nun aber auch das Wort als die erste Grundlage der Sprache und dasAufnchmen, Aussprechcn und Behalten desselben als der erste Schritt zum Erlerneneiner Sprache betrachtet werden, so sind doch Wörter noch nicht die Sprache, und dieKenntnis vieler Wörter bewirkt oder beweist noch nicht die Kenntnis der Sprache.Wie die rohen Materialien in der Natur, Holz und Steine, bearbeitet, geformt, zusam-mcngefügt werden müßen, um als Theile eines Ganzen zu dienen und einen organischenBau darzustellen, so haben die einzelnen Wörter für das Erlernen, den Gebrauch unddie Hebung der Sprache nur dann Werth, wenn sie als lebendige Theile der Spracheverstanden, beherrscht und verwendet werden, wenn sie in ihrem Zusammenhänge mitandern Wörtern, in ihrer Entstehung, Bildung und Erweiterung gefaßt und im Satzeangewcndet werden können. Was in dieser Beziehung bei Erlernung der Muttersprachedurch häufiges Hören, lebendigen Nachahmungstrieb und natürliches Sprachgefühl raschund unvermerkt und wenn auch mehr mechanisch, doch unter günstigen Umständen richtigerlernt wird, das muß beim Erlernen der fremden Sprache durch methodischeAnweisung angceignet, zum Verständnis gebracht und durch häufige Ncbung als be-wußter Besitz erworben werden. Die Abwandlungen des Wortes aber, das Geschlecht,die Verbindung mehrerer zum Satz, die Ableitungen und alles, was Etymologie undSyntax scstsctzt, muß zugleich am Worte gelernt werden, die Wörter müßen demnachin einer methodischen, der jedesmaligen Unterrichtsstufe entsprechen-den Weise gelernt werden.

Die Notwendigkeit, Wörter lernen zu lassen, hat sich stets, seitdem fremde Sprachengelehrt worden sind, aufgedrängt und war in den Lehrplänen der Schulen vorgeschric-beu. In den lateinischen Schulen zur Zeit der Reformation und später war dasMemoriren lateinischer Vocabeln und moralischer Sprüche eine Hauptaufgabe der unter-sten Elaste oder Elasten neben dem Erlernen der Declinationcn, Conjugationen, gele-gentlich auch noch vor demselben. Ueberhaupt war das dabei beobachtete Verfahren

Pädag. Enchklopiidie, X. 1