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heftigen Regen. Die Herren Studenten w. haben diese Ent-schuldigung nicht nötig. Endlich trat ein junger Geistlicher vorden Altar. DaS konnte Harms nicht sein. Ich denke: der eineliest Evangelium Lind Epistel vor, der andre hält die Predigt.Aber doch wurde es mir heiß. Ich fragte daher nochmals:Predigt hier immer der Herr Archidiakonus, der Herr ProbstI)r. Harms? H—a—r—m—s, Harms? Ja, H —a-r—in-s,Harms. Endlich steigt ein andrer, als der vor dem Altar ge-standen, auf die Kanzel. Mir fiel ein Stein vom Herzen. DemAnsehen nach konnte er es sein; denn manche Menschen bleibenja frischen Aussehens bis ins Alter. Als er aber anfing undeinige Sätze gesprochen hatte, da wußte ich: Harms war es nicht,er konnte es nicht sein, nicht der Mann, der im Jahre 18l7das brennende Feuer angezündet, der mit zelotischem Eifer jenenMann angegriffen, der in einem, alle Konfessionen umschließen-den Armenhause zu einer Versammlung gesagt hatte: „Glaubet,was ihr könnt, nur übet Milde und Güte!"
Nun, ich mußte mich trösten. Man hört immer etwasGutes, selbst wenn man es, nur angeregt, sich selbst sagt. DerRedner sprach über die Stelle aus der Bergpredigt: „Wer zuseinein Bruder sagt Racha, der ist des Rats schuldig." DiePredigt war zu negativ, zu anklageud gegen die Zeit. Zwarkann das Negative an seiner Stelle sein, allein das Anferbauendes Rechten thut größere Wirkung, vernichtet das Gegenteil vonselbst. Und daun muß mau von den Verkehrtheiten der Menschennicht, wie es geschah, mit freundlichem Blick und gefälligenMienen, nicht mit Anreden: meine Theuren! reden, sondern inder Weise Jehovahs vom Sinai herunter, wie rollende Donnerund zuckende Blitze. Sonst dringt inan nicht unter die bepanzerteHaut, iil welche die Menschen unsrer Tage eingehüllt sind. —
Kiel ist eine kleine, ruhige Stadt. Sie hat manche erbleichteJugenderinnerungen in mir aufgefrischt. Sie sind das Bleibendste,Tiefste, ihre guten Einflüsse gehen nie ganz verloren, ihre bösenkann keiner ganz verwinden. Letzteres spricht selbst ein Mannder höchsten Welt- Lind Charakterfreiheit, wie Goethe, aus. Undes zeigt sich in seiner lebenslang bewährten Richtung. Sein
Diesterweg, Ausgew. Schristen. 2. Ausl. I. 10