ihm stehenden Patriarchen zeigt uns der Dichter eine Figur (dasUrbild eines Pfaffen) von der durch die Geschichte bekundetenWahrheit, daß ein starres Konfessionswesen fähig ist, denMenschen nicht bloß so zu verunstalten, daß der sogenannte Christden Menschen überwuchert und in sein Gegenteil verkehrt, son-dern ihn in ein Werkzeug des Satans, in einen Fürsten derFinsternis zu verwandeln, in ein Ungeheuer, in welchem derBuchstabe alle menschlichen Gefühle aufgefreffen, das Herz ver-giftet hat, in ein Wesen, dem Meineid, Verrat, Tücke und Mordals willkommene Mittel erscheinen, sich um „das Reich Gottesauf Erden" dadurch verdient zu machen, daß er seinen „allein-seligmachenden" Glauben aller Welt aufzudringeu versucht. Weres nicht weiß oder nicht glaubt, daß es, um den wahren Wertdes Menschen zu erreichen, zu oberst nicht darauf ankommt, zuwelchem Dogma man sich bekennt; daß jede der drei Religionendie Möglichkeit, diese Stufe zu erreichen, nicht ausschließt, wennes auch auf dem Boden der einen leichter ist als auf dem eineranderen; daß es unter den Bekennern aller Religionen gute undedle Menschen giebt; daß nicht der Buchstabe, sondern der Geistlebendig macht und erhebt: diese großen, stärkenden und er-habenen Wahrheiten hat Lessing auf den Brettern, die die Weltbedeuten, zur lebendigsten Anschauung gebracht. In diesem,seinem letzten und vollendetsten Werke, dem Abschluß seiner Über-zeugung — nach jahrelangen Kämpfen mit seinen Widersachern,nach einem Leben voll Entbehrung, Not und den härtestenSchicksalsschlägen — treffen wir auf eine Reihe von Sprüchenewigen Inhalts, auf Sprüche, „auf denen der ganze sittlich-religiöse Bildungsstand der Gegenwart beruht", die dem Lebeneine heilige Weihe geben — Sprüche kostbaren Inhaltes, Nahrungund Stärkung für die Fortsetzung der Lebensreise, besonders indürrer Zeit. In der That, wenn man sieht, was von finsterenGeistern (einem Hengstenberg, einem Stahl u. A.) fürChristentum ausgegeben wird; empfindet, was der christlicheFanatismus auch heutigen Tages noch anrichtet; erkennt, wasfür Folgen die Intoleranz herbeiführt, wie es auch jetzt noch inallen Konfessionen Priester giebt, welche ihre und ihrer Schüler
Diesterweg, Ausgew. Schriften. 2. Aust. IV. 21