Druckschrift 
4 (1891)
Entstehung
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welchem Zwange in das Heiligtum des Glaubens, des Gewissens,des religiösen Kultus, des Bekeunens durch Wort und Thateinzugreifen. Daß diese Toleranz gleichsam den innersten Kern,das eigentliche Lebensmark unseres Dramas ausmacht, dafürwerden Sie einen Nachweis durch Anführung einzelner Stellennicht erst erwarten. Sämtliche edle Gestalten unseres Meister-werkes, Nathan, Saladin, der Templer, der Klosterbruder, derDerwisch, Recha und Sittah sind Vertreter derselben und gebenderselben fast in allen ihren Reden lebendigen Ausdruck.

Als zweiter Grundsatz dürfte sich dein aufmerksamen Leserergeben, daß der Wert des Menschen, der Wert derPersönlichkeit nicht von seinem Bekenntnis ab-hängt und nicht nach demselben gemessen werdendarf. So spricht Sittah, die Muhamedanerin, das Urteil desDerwisch, des Muhamedaners, über Nathan, den Juden, in denschönen Worten aus:

. . .wie frei von VorurteilenSein Geist, sein Herz wie offen jeder Tugend,

Wie eingestimmt mit jeder Schönheit sei."

Auf die Rede des Templers:

Ihr wißt, wie Tempelherren denken sollen"

erwiedert Nathan:

Ich weiß, wie gute Menschen denken, weiß,

Daß alle Länder gute Menschen tragen,"und dasalle Länder" steht dem Zusammenhangs nach ganz indem Sinn wiealle Konfessionen". Recha erklärt im Gesprächmit Daja sich bereit, die Thaten und Leiden der christlichenGlaubenshelden zu bewundern, obgleich der Glaube derselben ihrnie als das Heldenmäßigste erschien.

Doch," fährt sie fort,so viel tröstenderWar mir die Lehre, daß ErgebenheitIn Gott von unserm Wähnen über GottSo ganz und gar nicht abhängt."

Die Geschichte von den drei Ringen in dem Munde des Nathanmit ihren Nutzanwendungen, wie wir sie sonst als das zusammen-haltende Zentrum des Dramas anzusehen versucht sind, ist jadie lebendigste Predigt, daß bei verschiedenen Bekenntnissenjederseiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nacheifern"