Druckschrift 
4 (1891)
Entstehung
Seite
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Es ist eine, wenigstens mir nicht inehr zweifelhafte Wahr-heit, daß Prüfen, freies Urteilei: nnd Denken nur bei unbe-lastetem Geist und Gemüt stattfindet, daß inan nicht gleichzeitigoder schnell nacheinander auswendig lernen und geistig sich freibewegen kann. Wer daran nicht gedacht hat, der beobachte sichselbst! Er beobachte sich, ob es ihm möglich ist, ob er von wört-lichem Memorieren alsbald zu freier, ich will gar nicht einmalsagen: schaffender, sondern nur frei erwägender Thätigkeit über-gehen kann und mag. Es wird nicht der Fall sein, nicht einmalbei erstarkter Manneskraft, geschweige denn bei einem Kinde.Hat man es genötigt, schwere Sachen und daß Gesangbuchs-verse zu den schwer zu lernenden gehören, und daß es eine Arbeitist,Fragen und Antworten des Katechismus" wortgetreu sicheinzuprägen, wird doch wohl nicht in Abrede gestellt werdenaufzufassen und zu bestimmter Stunde fehlerfrei herzusagen, sowird es zur darauf folgenden geistig freien Thätigkeit nicht auf-gelegt sein. Ja, wenn man sich erinnert, daß solche Anstrengungam Tage bevorsteht, so wirkt diese Vorstellung mehr oder wenigerdrückend. Bedenkt man nun, daß diese gebundene Thätigkeit,die jede objektive Freiheit ausschließt, täglich wiederkehrt; daßzugleich der bereits erlernte Stoff buchstäblich getreu festgehaltenwerden inuß und immer neuer hinzukommt; daß darüber Rechen-schaft abgelegt werden soll, und daß diese Lastvermehrung dasganze Schulleben hindurchgeht: so kann inan sich davon für freieEntwickelung und Entfesselung des jugendlichen Geistes, aufwelche letztere es bei jeder Geistesbildung wesentlich ankommt,keinen Vorteil, sondern nur Nachteil versprechen.

Man beobachte auch die Gesichtszüge der Kinder und denstumpfen, toten Blick ihrer Augen, wenn sie mit Auswendiglernen(besonders schwerer, unverständlicher Stoffe) beschäftigt sind, be-merke die mechanische Bewegung ihrer Lippen, achte auf die Ton-losigkeit ihrer Stimme, auf die Ängstlichkeit, mit der sie dasStichwort festzuhalten suchen, beobachte die Gewohnheit, vonvorn wieder anzufangen, wenn sie ein Wort verloren haben, umden abgerissenen Faden an den Klang der Worte wieder anzu-knüpfen, übersehe endlich nicht, wie sie nach solchem Werke nicht

Diesterweg, Ausgew. Schriften. 2. Aust. IV. 7