7
wert, als das ganze Heer zünftiger Theologen, gläubiger wieungläubiger, hat er fruchtbareren Samen ausgestreut in den Geistes-acker seiner Zeit, als in den damaligen theologischen Kreisen zufinden war („„Wenn das Salz dumm wird, womit soll mansalzen""?) durch
unübertreffliche Geistes-Gesundheit, unübertreffliche Geistesklar-heit. Er ist der durchdringendste Verstand der ganzen Zeit.Er ist zugleich über platte Verständigkeit weit erhaben. Ersteht auf einer Höhe, auf welcher die Gegensätze der Zeit, schaleAufklärung und unklare Glaubensphantastereiüberwunden und ausgesöhnt sind. Er steht ans dieser Hochwachtganz allein."
„Die Verbindung des Wissens mit dem Charakter,die ethische Kraft, welche das ganze Geistesleben durchzieht, ge-hört zu dein Eigentümlichsten und Besten des Lessingschen Wesens.Er ist darin ein wahrer Heros, ein die Wahrheit nicht alleinwissender, sondern auch mit der ganzen Kraft der Persönlichkeitfür sie eintretender und kämpfender Held" — besonders inVergleich „mit den theologischen Zuständen der Gegenwart vonder traurigsten Art, da der tiefere Wahrheitssinn, das indivi-duelle Wahrheitsbedürsnis, das wis s ens ch aftlich e Gewiss en,so sehr erschlafft ist und völlig verloren zu gehen droht."
„Vielleicht soll der Wahrheitssinn so weit aussterben imProtestantismus, daß nicht mehr gefragt wird: was ist für michwahr, durch alle Kräfte meines forschenden und prüfenden Geistesals wahr erkannt und bewährt? — sondern was ist herkömm-liche Wahrheit, von der kirchlichen Autorität festgestellt für alleZeiten?" —
Zu seinen Lebzeiten existierte ein deutsches Volk, aber nochweniger als heute eine deutsche Nation. Einige Hundert Fürstenund Dynasten regierten und herrschten mit absoluter Gewalt,nur zu oft mit Willkür; deutsche Art und Sitte, deutsche Spracheund Litteratur wurden von den Großen und Vornehmen ver-achtet ; an den Höfen herrschte französisches Wesen und Unwesen;dem deutschen Bürger fehlte der Sinn für Nationalität undEigentümlichkeit, worüber man sich nicht zu verwundern hat, da