Druckschrift 
Bd. 7 (1876) Eckzähne - Ferdinand
Entstehung
Seite
608
Einzelbild herunterladen
 

608

Europa (Gcschichtl. Entwicklung).

was die Hauptsache im Großen u. Ganzen, eswar ein fruchtbares, sittlich-poetisches Samenkorndurch Len die Kreuzzüge hervorrufenden Gedankenins Volk gelegt, die Völker begannen die Gemein-samkeit idealer Momente zu erfassen, ihrer Zu-sammengehörigkeit sich bewußt zu werden; vor-dem dämmernden Morgenlicht schwand das Hin-derniß fortschreitender Vervollkommnung desStaatslebens; dazu das Erwachen des Studiumsdes römischen Civilrechts, die den Skepticismusbegünstigende Scholastik, die ihr entgegengesetzteMystik und der immer kräftiger hervortretendeBürgerstand, das waren die Grundlagen Lerunaufhaltbar sortstrebenden höhern Civilisatlon.Wohl ist der Papst noch Schiedsrichter über dieKaiser- u. Königskronen, selbst Lehnsherr Englandsin schüchtert mit Bann und Jnterdict ein, ja dieweltlichen Fürsten müssen durch ihre Gerichte dieBluturtheile der Inquisition selbst vollziehenlassen, aber schon künden sich Vorzeichen desSinkens dieses Despotismus, die Vorboten derEntwickelung eines neuen zeitgemäßen Verhält-nisses zwischen geistlicher u. weltlicher Macht an.In diesem Zeitraum der Kreuzzüge, d. i. vom Endedes 11. bis Ende des 13. Jahrh., hat in Eng-land das normännische Element das dänischeverdrängt, während der Besitz der Normandie dieQuelle der furchtbarsten Kämpfe in der königlichenFamilie n. mit Frankreich wurde, das in seinemwestlichen Theile sogar längere Zeit ein Lehn derenglischen Krone war. Das alte Burgund istabhängig vom Deutschen Reiche, das unter denHohenstaufen seine größte Ausdehnung erreicht.Im Norden hat Dänemark sich zu seiner größtenpolitischen Bedeutung emporgeschwungen, Schwedenseine Grenzen bis Finnland ausgedehnt; dasBaltische Küstenland von der Oder bis znm Fin-nischen Busen ist in den Händen des DeutschenRitterordens, den das durch innere Spaltungenzerrissene Polen gegen die heidnischen Preußen zuHilfe gerufen, während ans der andern SeiteSchlesien von den Pjastischen Herzogen aufgegebenwerden muß. Von drei Seiten von Wäldern n.Bergen umschanzt, erhebt sich in Einigkeit starkein Königreich Böhmen und unter Herrschaft derArpaden dehnt sich das Königreich Ungarn bisans Adriatische Meer aus, die durch mongolischeHorden geschlagenen Lücken durch deutsche u. ita-lienische Ansiedler ergänzend. Rußland, in Folgeunseliger Theilungen innerlich zersplittert, wirdden Mongolen zinsbar, während die südlichenDonanländer, zwischen Balkan n. d. Donau, vonden Walacho-Bnlgaren besetzt werden. Das morschebyzantinische Reich mußte für ^ Jahrh. einemLateinischen Kaiserthum sich unterworfen sehen, umnachher als neugriechisches Reich ein nicht vielbesseres Dasein zu fristen. In Unteritalien ent-wickelt sich nach der kaum 200jährigen Herrschaftder Normanen u. der 50jährigen der Hohenstaufenein selbständiges Reich u. während des Kampfeszwischen Kaiser n. Papst u. den italienischen Städ-ten um die Herrschaft geht auch im Norden Ita-liens die Macht Deutschlands mehr u. mehr gegensich bildende kleinere Staaten zurück, Venedig undGenua aber beherrschen das Mittelmeer und sindHerren des Handels. Portugal trennt sich als be-

sonderer Staat von Spanien, n. hier erstarken die !christlichen Reiche Aragonien u. Castilicn im Kampfegegen die Mauren, die zuletzt nur mehr ans dasKönigreich Granada sich beschränkt sehen u. selbst !in diesem Besitz Castilische Hoheit anerkennen müssen. -Zu Ende des 13. Jahrh. erreicht endlich das Haus 'Österreich seine Selbständigkeit, zu Anfang des 14 .beginnt die Schweiz den Kampf für ihre Unab-hängigkeit, u. mit dem Exil zu Avignon fängt dieGlorie der päpstlichen Macht zu schwinden an.

Die europ. Menschheit entwächst jetzt der '

Hierarchie einer Jahrhunderte lang bei allem Miß- !brauche doch vielfach wohlthätig wirkenden Er- j

ziehnngs- u. Zucht-Anstalt, n. tritt damit in dasAlter der Mündigkeit. Das Uebergewicht des jBürgerstandes wird entschiedener, je mehr ans dereinen Seite dem Adel durch Einführung des Schieß- ^Pulvers, später (1444) der stehenden Heere u. desFußvolkes im Kriege das ausschließliche Wasseu-n. Kampfrecht u. auf der andern Seite dem Klerusdurch Gründung von Universitäten Las wissenschast-liche Monopol entzogen wird; in der Buchdrucke»kunst erhob sich bald das Werkzeug der aus derAnregung höherer Geisteskräfte sich gestaltenden ,öffentlichen Meinung; Handel und Gewerbfleiß !wuchsen im Herzen E-s, u. in der EntdeckungAmerika's n. des westlichen Seeweges nach Ost-indien eröffnten sich neue reiche Quellen. AusAlledem gingen aber auch jene mannichsachenFördcrungsmittel hervor, durch welche in ihremZusammentreffen Sicherstellung der Verfassungenu. Rechte u. Vervollkommnung des bürgerlichenLebens in freien Betrachtungen u. Bestrebungen,in gesellschaftlicher Bildung u. Thätigkeit zu voll-kommener Reise gedeihen konnten. Dagegen abererzeugte hinwiederum die Kraftentwicklung derVölker in den Inhabern der ausübenden Gewalt,ihren Führern, trotziges Machtgefühl, Selbstsuchtn. Herrschlnst, u. mißtrauisch beobachteten sich diebenachbarten Staaten n. die gegenseitigen Be-rührungen der Völker u. ihrer Regierungen lassendie Theilnahme an fremden Angelegenheiten alseine wesentliche Aufgabe des Fürstenberufes er- Ischeinen. Es bildet sich in diesen Beziehungeneine durch innere Lage und äußere Verhältnissebedingte trug- und ränkevolle Staatsknnst, derenGrundsätze sich rasch verbreiteten, als Italien derTummelplatz für die Reibungen Spaniens, Frank-reichs u. Österreichs wurde. Zwar fordert dieEntstehung des Türkischen Reiches in E. die christ- jlichen Staaten zu einer scheinbaren Einheit despolitischen Systems auf, dasselbe ist aber von nurgeringer Dauer, weil ohne innere Treue. Be-reitete sich unter diesen Verhältnissen die An-näherung der europäischen Staaten znm politischenSystem, so gab die Reformation im 16. Jahrh.den Schlußstein zu dem Grundbau, auf dem sich -das neue E. ausrichtete. Die Reformation ^regte ein Interesse auf, das nicht nur das der lRegenten, sondern das der Völker selbst war, die ^Ursache der unermeßlichen Wirkung dieser Bewe-gung, die Ursache davon, daß ihre Stürme zu- ,gleich so allgemein u. so dauernd werden konnten.Daß aber Religion u. Politik sich dabei verflochten,war unvermeidlich, weil die Angriffe der Urhebernicht blos gegen Lehren, sondern gegen ein zwar