Druckschrift 
[1] (1857)
Seite
44
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

44

! sei»«: Kraft erprobe». Aus Vorsicht aber verbarg^ er sich mit der geladene» Flinte in der Nähe,

^ uni gleich bei der Hand zu sein, wenn seine

! Kraft etwa nicht weiter reiche, als die eiues! jedem andern Kindes.

Ferdinand setzte sich mitten unter die Schafeund lugte fleißig umher, ob der Heerde auchetwa Gefahr drohe. Es dauerte nicht garlange, so kam wirklich der Wolf dahergestürmt.Nimmersatt legte den Finger an den Drückerund begann scharf zu zielen. Ferdinand aberstand auf, ging den, Wolfe unerschrocken ent-gegen und drohte ihm mit dem Finger. Kaumwurde das Thier des kleinen Hirten ansichtig,so stieß es ei» wildes Geheul aus und kehrtein den Wald zurück.

Die erste Probe ist gut ausgefallen, sagte j! der Nimmersatt zu seiner Frau, als er ihr den! Vorfall erzählt hatte.

Von jenem Tage an kam ein beispielloses.Glück unter die Heerde, sie vermehrte sicherstaunlich, nie kam eine Krankheit oder einSterben unter sie, und die Wolle war voneiner solchen Vortrefflichkeit, daß der Nimmersattweit und breit berühmt wurde.

Das hatte ein Jahr so fortgegaugen;Ferdinand war noch immer klein und schwäch-lich, sah auch noch immer ziemlich zerlumptaus, denn die Bäuerin gab ihm in ihremGeize weder vollauf zu essen, »och ordentlicheund warme Kleidung. Die verschlissenen Hosenund Röcke ihres Mannes hielt sie immer »ochfür zu werth für das Kind, das ihnen so viel !Glück in's Haus brachte.

Nimmersatt aber nieinte, es sei eigentlichkaum der Mühe werth, was Ferdinand schaffe,und, beim Lichte besehen, verdiene er kaum dasdas Brod, welches er esse. Wolle man warten,

> bis er ordentliche Arbeitsknochen habe, so könneman dabei ein armer Mann werde»; er sollemit hinaus und auf dem Felde schaffenhelfe».

So geschah es denn auch, und es warzum Verwundern, wie reich die Erndte indiesem Jahre ausstel: die Scheunen reichten !gar nicht mehr, man mußte die Früchte inhohen Barneu um das Haus herum aufstelleu, !^ und war doch bei den Nachbaren weit und i

! breit im Lande eine totale Mißerndte gewesen, j

Die Bauer» schüttelte» mit den Köpfen jund sagten: der Nimmersatt ist wahrlich mitdem Helnie geboren l Keiner aber dachte daran, >daß der kleine, schwächliche Ferdinand die

> Ursache von all dem Glücke und Reichthumsei; und dieser selber schien es ebensowenig zu

- wissen.

Nun ging aber dem Nimmersatt dasReichwerden zu langsam, und er dackte, einrechtes Svniitagskind müsse in einem Tagefertig bringen, wozu der Ferdinand Jahregebrauche.

Eiues Mittags, da er eben vor seinerHansthüre saß und über den Kanal schaute,auf welchem die Treckschuiten hinauf undhinunter fuhren, da ward ihm die heißeMittagssonne lästig s und er fluchte gottes-lästerlich, daß so ein armer Bauer doch nieseines Lebens froh werden könne.Höre," spracher zu Ferdinand,du bist ein Faullcnzer undThunichtgut und schaffst nichts Rechtes. Mor-gen Mittag muß hier vor der Hansthüre eingroßer schattiger Park mit allerlei seltenenBäumen und Pflanzen sein. Und hier zumeinen Füßen muß aus einem Marmorbecken,in dem Gold- und Silberfische schwimmen, einSpriugqucll emporsprudeln. Mache, daß bisMorgen Alles hübsch in Ordnnng ist, sonstsind wir geschiedene Leute, und du magst deindein Brod anderswo suchen."

Da hob Ferdinand an zu weinen uudsprach:O mein lieber Herr, wie mögt ihrsolche Dinge von mir verlangen, die doch nichtin meiner Macht stehen?

Nicht in deiner Macht stehen?" polterteNimmersatt.Wozu bist du denn ein Sonntags-kind? Was ich gesagt habe, dabei bleibt es,und nun kein Wort mehr!"

Ferdinand wußte wohl, daß er keinenPark schaffe» konnte, darum war er sehr trauriguud rührte das Abendessen nicht an. Die ganzeNacht verbrachte er mit Seufzen uud Beten,und als ihm die Frau am ander» Morgen einButterbrod reichte, da steckte er es in seineTasche, denn er vermochte vor Leid keinenBissen herunter zu bringen. Er ging dannhinaus an seine Feldarbeit, immer darübernachsinnend, was er anfange» würde, wenn derNimmersatt ihn von Haus und Hof fortjage.Endlich aber kam Trost in sein Herz und ersetzte sich auf einen Flurstein, um sein Butter-brod zu verzehren.

Da kam ein altes Weiblei» auf ibn zu,das hustete und wehklagte: O wie mich hungert IO wie mich hungert!

Ferdinand war nun auch sehr, sehr hungrig,aber dennoch gab er sein Brod hin und sprach:Laßt es euch wohlschmecken, liebe Frau! Siesetzte sich »eben ihn und mit großemAppetite. Auf ihren Schooß aber flog eineLerche, die pickte die Krümchen auf, welchedas Weiblein fallen ließ. Als sie gegessenhatte, sah sie Ferdinand dankbar an nnd sprach.-