Druckschrift 
3 (1841) Berlin, Dresden, Hamburg, Mecklenburg, Weimar, Halberstadt und Göttingen : mit einem Anhange: Ausflüge nach Holland, Belgien, England, Schweiz, Polen, Russland, Schweden, Dänemark und Nord-Amerika
Entstehung
Seite
357
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

357

DEUTSCHE KUNST.

Seine bedeutendste Arbeit ist die, von deren Vollendung der Tod ihn ab-gerufen hat: eine Scene aus der Sündflut, in ganzen überlebensgrofsen Fi-guren; durch einen Schwäbischen Bildhauer, Hof er, für den Besteller, Ma-ster Johns aus London, vollendet. Wir sehen sogleich, dafs es dem Künst-ler um eine tragische Wirkung zu thun war. Auf der Höhe eines Stein-blocks steht ein Familienvater; er hat eben die Gattin dem Wellentodeentrifsen. Sein vortretender linker Fufs dient ihr als Stütze für ihren lin-ken Arm, unter den sein rechter hebend untergreift. Seine Linke fafst sieam Gewände, an dem sich auch ein Kind zu halten strebt, das rettendzu umschliefsen, die bereits sterbende Mutter die letzten Kräfte krampf-haft anstrengt. Man kann von dieser Arbeit mit Zuversicht sagen, dafsseit der Zeit der alten Kunst dem Marmor kein Leben eingehaucht wor-den, wie hier; der Ausdruck ist über alle Beschreibung wahr, und durchdas richtige Maafs tief ergreifend; dazu kömmt eine Kenntnis der Naturund eine Fähigkeit, sie bis in ihre kleinsten Formen und vornämlich Be-wegungen zu verfolgen, wie kein neuerer Künstler sie hat. Da ist keinGlied und kein Theil eines Gliedes, dessen Bewegung nicht vollkommendas ausdrückte, was es soll; alles erscheint von innen heraus belebt, wieim beseelten Organismus. Auch in der Wahl des Momentes der Scene,in der Anordnung der Gruppe, in dem Zuge der Linien offenbart sich dasfeingebildete Kunstgefühl des Meisters und eine durchaus neue bedeutendeRichtung in der Kunst: und doch könnte man ohne Ungerechtigkeit dieganze Arbeit verfehlt nennen.

Die Aufgabe der tragischen Kunst ist, uns durch die Schilderung eineserhabenen Schmerzes über eigene Leiden und Sorgen hinüberzutragen; umdieses zu können, mufs hinter ihrem Schmerz eine Versöhnung, eine Be-ruhigung liegen, indem sie eine von demselben unberührte geistige Machtdurchfühlen läfst. Nie darf die tragische Kunst martern, und es war dasZeichen der tiefsten Entartung, als man, nach dem Tode am Kreuze undder Kreuzabnahme, auch das Annageln ans Kreuz darzustellen anfing. Die