301
DEUTSCHE KUNST.
originellsten Charaktere, sowohl als Künstler, wie auch als Mensch, dertrotz aller Ecken und Härten Allen, die ihn kannten, wegen des Ernstesseiner Bestrebungen, wegen der Treue, mit der er an seiner Überzeugunghielt, wegen seines jugendlichen Sinnes und Wohlwollens gegen Jüngere,selbst wegen seines guten Humors, in liebendem und ehrendem Andenkenbleiben wird. Klein von Gestalt und (wenigstens im Alter) von gebogenerStellung, muste er fast zu jedem emporsehen, was seinem hellen unddurchdringenden Blick einen eigenthümlichen Ausdruck des Lauerns gab.Von ausnehmender Klarheit und jugendlicher Zarte war sein Colorit, undimmer, selbst im Zorn, spielte Freundlichkeit in seinen Zügen. In seinenReden war er derb, herbe, selbst geschmacklos, und im Spott über Er-bärmlichkeiten des Lebens, vornämlich der Kunst, kannte er keine Grenzen.Wie in jungen Jahren er die »Haarbeutel- und Zopfzeit«, in der er auf-wuchs, mag mit Hohn überschüttet haben, so geifselte er im Alter die»Frack- und Cravattenzeit«, in der er das karge, beschnittene und zusam-mengeflickte Kunsttreiben unserer Tage, vor allen das in Rom, sich ab-spiegeln sah. Einer solchen Natur voll bittern Witzes lagen die Schwä-chen und Thorheiten der Menschen deutlich vor Augen; Bezeichnung desGuten und Grofsen, ja sogar die unausgesprochene Erkenntnis desselben ge-lang ihr bei weitem weniger; ein Umstand, der den Hauptcharakterzug sei-nes Künstlerwerthes erklärt. Man hat öffentlich von ihm ausgesprochen,»dafs er den Eindruck der Natur im Ganzen durch Auffafsung des Einzelnenin seiner höchsten Bestimmtheit darzustellen wifse.« Gerade umgekehrt, dasCharakteristische eines Gegenstandes (in der Natur, Geschichte oder Poe-sie), das sich dem gesunden Auge beim ersten Blicke zeigt, verstand erund gab er wieder: allein die Durchführung durch Auffafsung des Einzel-nen in seiner höchsten Bestimmtheit, wozu es jenes ruhigen, besonnenen,unermüdlichen Eingehens in das Object bedarf, dem allein die Erkenntnisdes inwohnenden Guten gelingt, hat er nie erreicht, noch selbst zu errei-chen gestrebt. Er gehört zu den Vorkämpfern, die die Bahn brechen, aber