Druckschrift 
3 (1841) Berlin, Dresden, Hamburg, Mecklenburg, Weimar, Halberstadt und Göttingen : mit einem Anhange: Ausflüge nach Holland, Belgien, England, Schweiz, Polen, Russland, Schweden, Dänemark und Nord-Amerika
Entstehung
Seite
272
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

272

ROM.

erinnern. Beide Genien sind aufs Innigste verwandt, und beide, bestimmt,der Kunst imsrer Tage zur wahren Bedeutung verholten zu haben, unter-scheiden sie sich hauptsächlich nur durch das, was ein jeder zur Errei-chung des gemeinschaftlichen Zweckes gethan. Die antike Kunst giebt bei-den Anregung und Licht; wenn sie aber Carstens (und uns durch ihn) indas Leben und die Poesie der alten Völker eingeführt, so erschliefst sieThorwaldsen die Natur, und lehrt ihn das lebendige Leben kennen und inseiner schönsten Erscheinung fafsen und darstellen.

Als Thorwaldsen zuerst auftrat, beherrschte bekanntlich Canova den Ge-schmack in der Sculptur; kein andrer neben dem seinigen konnte sich gel-tend machen, am wenigsten durch ein noch unentwickeltes Talent. Aufeine Anerkennung in der Fremde also, auf eine Selbständigkeit ohne dieAkademie hatte Thorwaldsen keine Aussicht, und zwar um so weniger,als die durch die Französische Revolution herbeigeführten Kriege ganz Eu-ropa von den Werken des Friedens weit ablenkten. Er muste also an dieRückkehr nach Kopenhagen, so schwer es ihm ankam, Rom den Rückenzu wenden, ernstlich denken. Um diese Zeit, im Herbst 1800, modellierteer, um eine Arbeit von einigem Umfange mit in die Heimat zu bringen,die lebensgrofse Statue des lason; mufste sie aber nach der Vollendungin Thon im Frühjahr 1801, da ihm die Mittel zur Abformung fehlten, zer-schlagen. Dennoch sollte dieser Jason (so schien es), wie der alte demPelias, so ihm das goldne Vliefs erobern. Mancherlei Umstände verhin-derten seine Abreise, und lason, von dem seine Phantasie einmal lebhaftergriffen war, erstand unter seinen Händen im Frühjahr 1803 zum zweitenMale, schöner und gröfser als vorher. Auch die Theilnahme unter denKünstlern war gröfser und allgemeiner, und selbst Canova sprach sich lo-bend darüber aus. »Quesfopera,« soll er gesagt haben, »di quel gio-vane Danese e fatta in un stilo nuovo e grandioso. « Dessen ungeach-tet bedrohte auch sie das Schicksal der frühern, und sie wäre zerbrochenworden, hätte sie nicht, um sie für unvorgesehene Fälle zu retten, des