265
DEUTSCHE KUNST.
Heitere heiter, das Liebliche schön, das Grofse erhaben, alles aber mitmöglichst wenigen Mitteln darstellte. Frei blieb er von jeder Rücksicht-nahme auf blofs äufsere Beziehungen der Wohlgefälligkeit, Zierlichkeitu. s. w., mehr noch Tön jeder auf den Beschauer und dessen etwaige un-klaren oder unlauteren Anforderungen, frei vor Allem von schmeichelnderGefallsucht und dem Sinnenreize, wodurch zwar die Menge gewonnen, dieKunst aber zur Sünderin wird. Jener Zauber, durch den alle Werke desGriechischen Alterthums fefseln, ist auch über denen von Carstens ausge-breitet, der Zauber der Unschuld.
Anordnung. War Carstens in Auffafsung und Darstellung ein treuer Zög-ling der alten Griechen, so folgte er doch in der Anordnung seiner Gemälde,vielleicht unbewust, anderen und neueren Gesetzen. Im Aufbau seiner Com-positionen, in der Form der Gruppen, im Verhältnis derselben untereinander,ja selbst in Linie und Bewegung herrscht der Rhytmus der romantischen Zeit,das malerische Prinzip, wie es in Rafael und Michel-Angelo seine Vollen-dung erreicht hat, das aus dem Alterthum wesentlich nur die Anforderungan Klarheit des Zusammenhanges, an Übersichtlichkeit und Lesbarkeit derDarstellung aufgenommen. Zu tiefe Hintergründe vermied er, der Land-schaft und allem Nebenwerke gestattete er den möglichst kleinsten Raum.
F o r m e n g e b u n g und Charakteristik. Auch in dieser Beziehung neigtsich Carstens der neueren Zeit zu, und nur, soweit auch diese dem Alter-thume Zutritt gestattet, folgt er demselben. Breit und grofs sind seine For-men, eher weich, als schroff und scharf, nie modellartig-natürlich, sondernvon idealer AVahrheit; edel sind seine Verhältnisse, zwar von nicht grofserMannigfaltigkeit; die Charaktere ungemein, aber doch von individueller Bil-dung und lebendigem, entsprechendem Ausdruck in Mienen und Bewegung,ebensowohl dem wirklichen, ihn umgebenden Leben, als dem in der altenKunst geschilderten verwandt. Kleine Züge findet man selten bei ihm,und doch vermisst man keine Äufserung der Empfindung, selbst in denverschiedensten Abstufungen.
in.