JMH£NNMMr~
260
I
■ -;■
I
ROM.
fremden Hülfe mehr bedürftig sein würde. Ganz unmöglich aber wäre esihm gewesen, aus seiner freien künstlerischen Thätigkeit an die Ketteeines akademischen Professors und Zeichenlehrers in der Gypsclasse nachBerlin zurückzukehren. Er löste deshalb das Verhältnis mit der dasigenAkademie auf, und blieb in Rom * Eine Reihe vortrefflicher Zeichnungenfertigte er nach dieser Zeit, und hatte die Freude, sich weder im Ver-trauen auf sich, noch in dem auf fortdauernde, ja wachsende Anerkennungund Theilnahme von Andern getäuscht zu haben. Nur gegen einen Feind,der unwiderstehlicher, als Armut, und unerbittlicher, als Neid und Hafsan ihm nagte, war er nicht gerüstet: gegen ein körperliches Leiden, einBrustübel, dessen Keime er mit auf die Welt gebracht, das sich gegen dasJahr 1798 zur Unheilbarkeit steigerte. Abgezehrt aber und siech verlor erdoch weder den Lebensmuth, noch die Lust der Kunst, ja mit dem heran-nahenden Tode steigerte sich die Freiheit und Heiterkeit seiner Seele, under lebte in den beglückendsten Anschauungen. Das erste und letzte Werkeines ausgezeichneten Genius gewinnen eben dadurch eine besondere Be-deutung, die sich erhöht, wenn sie auf den Moment der Entstehung nochein besonderes Licht werfen. Das Bild, womit Carstens in Kopenhagenseine künstlerische Laufbahn begann, war der Tod des Äschylus; das, wo-mit er sie in Rom beschlofs, eine Aussicht ins goldene Zeitalter der Men-schen.
Leider muste Carstens diese Zeichnung, die zu den anmuthigsten undphantasiereichsten seiner mythologischen Darstellungen gehört, unvollendetlafsen. Er starb am 25. Mai 1798. Unter dem Sinken aller Lebenskräftehatte sein Geist, sein heiterer freier Sinn sich aufrecht erhalten; mit zit-ternder Hand hatte er noch Homerische Scenen entworfen, und der letztevon den sterbenden Lippen ausgesprochene Gedanke hatte der Kunst gegolten.
* Wer die näheren, für Carstens sehr schmerzlichen Umstände, unter denen diese Tren-nung erfolgte, kennen zu lernen wünscht, den verweisen wir auf Fernows oben angeführtesBuch, in welchem von S. 190. an der Briefwechsel zwischen dem Minister Heinitz und Car-stens mitgetheilt ist.