Druckschrift 
2 (1840) München, Stuttgart, Nürnberg, Augsburg, Karlsruhe, Prag und Wien : mit einem Anhange: Ausflug nach Italien
Entstehung
Seite
274
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

274

MÜNCHEN.

Lehren des Cornelius, in seinem Gehirne aufsteigen. Das Kupferstichheft,welches diesen Band begleitet, liefert ein Beispiel dieser so eigenthiünlichenund ursprünglichen Darstellungsart: es ist eins von den schon gedachtenBildern zu Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre. Der Steindruck gleichtgenau der Zeichnimg, und giebt diese vollständig wieder. Es ist für michein bewundernswürdiges Werk: es herrscht darin ein erhabener Spott.

Während meines Aufenthaltes zu München im Jahre 1837 sah ich beiKaulbach mehrere angefangene Werke, welche ihn gleichzeitig beschäftig-ten, und ihn keinesweges verhinderten, Vorarbeiten zu der Hunnenschlachtzu machen. Er entwarf für Herrn von Cotta Zeichnungen zu seiner neuenFolio-Ausgabe von Goethe's Werken; zugleich machte er den Carton zueiner Löwenjagd, welchen er in Öl ausführen wird, und arbeitete an einemungeheuren Bilde, welches die Zerstörung Jerusalems darstellen soll.

Kaulbach ist sehr fleifsig, voll Eifers, unermüdlich. Wenn er ein Bildentwirft, sind alle seine Seelenkräfte in Thätigkeit. Die Studien, welcheer nach Modellen macht, werden mit der gewifsenhaftesten Treue und dergenausten Sorgfalt ausgeführt; er giebt nichts auf gut Glück. Oft hat erdas Spiel der Gesichtszüge an seinem eigenen Antlitze studiert, und indemer sich vor einen Spiegel stellt, versucht er es manchmal, seinen Zügenden Ausdruck der Leidenschaften zu geben, welche er darstellen will:gleichwohl bewähren seine Werke hinlänglich, dafs sein Talent sich nichtdarauf beschränkt, Gesichter zu schneiden.

Das Unterscheidende von Kaulbachs Talent ist, dafs in seinen Werkendie Grofsheit, selbst wenn sie den höchsten Gipfel erreicht, doch nimmerzur Übertreibung sich versteigt: die Grofsheit der Begeisterung, die Tiefedes Gedankens, ist hier mit einem stets reinen Geschmack und mit derMäfsigung vereint. Ich kenne keinen eigenthümlicheren Künstler, keinen,der so sich selber gleich bleibt, und doch so wenig sich wiederholt. Einedüstere Stimmung und Bitterkeit begegnen sich öfter bei Kaulbach; darinunterscheidet er sich von Lessing, der nur schwermüthig und träumerisch