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WALTHER.
Nicht minder als mit der heiligen Geschichte der Vergangenheit und Zukunft durch dieOffenbarung und Kirche, und mit der Zeitgeschichte durch die lebhafteste Theilnahme, warWalther ohne Zweifel auch mit der übrigen Bildung und Kunde der Gegenwart und Über-lieferung, zunächst der Dichtkunst vertraut, auch durch seine Reisen im Auslände, obgleicher es nicht, so wie manche Andere, zur Schau trägt, und selten spielt er bestimmt daraufan: nur Artus Hofhaltung dient ihm einmal zum Vergleiche des Wiener Hofes; und von derheimischen alten Heldensage, welche zur höchsten Blüte mit ihm fort wuchs, und von derenGeist und Klang seine echt vaterländischen Lieder vor allen durchdrungen sind, macht er auchnur einmal die lebendige Anwendung, dafs allein die, wirklich wohl nicht Hildegundenannte* Geliebte seines Herzens tiefe Wunde heilen könne: wie die aus den Nibelungen bekannte Hildegunde ihren Walther **, mit dem sie aus Ungcrland entflieht, nach den bluti-gen Kämpfen um sie bei Worms, ihn heilet und tröstet; und wenn er anderswo singt:„wer schlägt den Leuen, wer schlägt den Riesen?" so hat er wohl eher Siegfrieds Löwen-und Riesenkämpfe, im Siegfrieds-Liede, Nibelungen und Rosegarten, im Sinne, als David undSimson.
Überhaupt gebraucht und bedarf Walther weniger Bilder, Vergleichungen und namentlicherAnspielungen, als er, von ihnen durchdrungen, selber lebendig bildet und sinnvoll darstellt;und eben die tieferen und geheimeren Beziehungen aller Art machen seine Gedichte so wun-derbar anziehend, als oft schwierig und unerschöpflich. Ihm steht gleichwohl die reichsteBilderfülle zu Gebote, wie in den geistlichen Gedichten und Gesichten, so in weltlichenEhrengedichten, und auch das Ungeheuerliche zu schildern; ferner: einzelne kräftig ausgeführteBilder; persönliche Darstellungen des Geistigen und Leiblichen, ja Todten; endlich, der kühn-ste bildliche Ausdruck: jegliches an seiner Stelle, wie der bedeutsame Spruch, womit er man-ches Gedicht (epigrammatisch) beschliefst.
Kurz, Walther ist ein Dichter im höchsten Sinne des Wortes: der mit allen leiblichen und gei-stigen Sinnen die schöne Gegenwart ergreift, zugleich entzückt darüber hinausblickend undwie im Spiegel das Ewige schauend, wo das Vergangene und Künftige gegenwärtig, das Ferne
nah,
und der Traum und die Dichtung wirklich ist.
Der in der süfsen Trauer und Klage
um das vergängliche Schöne es eben dauernd hervorbringt; der im sehnlichsten Minneleidesich und Andere erfreut; in Warnung und Ermahnung ernst, im gerechten Zorne heftig undscharf, überall jedoch voll herzlicher Bruderliebe, gern Allen Alles ist: ein wahrhafter, austiefer voller Brust allgemein anklingender Volksdichtcr, und zugleich, auf dem Gipfel seiner,hei allen Wirren und Wehen, herrlichsten Zeit, den Höchsten und Gebildetesten gerecht.
Er verbarg vielmehr so ihren wahren Namen, welchen zu nennen ganz unsittlich war.Von beider Geschichte sind Lessings Bilder, Bd. I., S. 158., erwähnt.
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