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ESCHENBACH.
inniger. Die hohe Minne richtet den jungen Knappen empor, wie Kinder an Stühlen auf-stehen lernen. Sie ist auch in der Kindheit mächtig, wie selbst ein Blinder sie erfährt: alleSchreiber vermöchten nimmer ihre Wunder zu Ende zu schreiben; Mönche und Klausner ent-ziehen sich ihr kaum; sie bezwingt den streitbaren Ritler; kurz, sie waltet auf Erden undim Himmel, und ist überall, aufser in der Hölle. Wie edle Minne den Ritter zu hohen Tha-ten begeistert, so wird sie durch diese erworben und ist ihr höchster Lohn. Das besondersin Scheide- und Tage-Liedern wiederholte Entführen und Tauschen der Herzen wird schonbei Wilhelms Abschied von Kiburg und Rennewarts von Aliscn ausgesprochen, und dasselbemeint auch der obige Ausdruck beim Scheiden der beiden Kinder.
So begleitet Eschenbach auch hier die Minne mit derselben herzlichen Theilnahmc, wiedie so innig damit verbundene Ritterschaft. Um so mehr sind endlich seine Lieder lebhafterund eigenthümlicher Ausdruck seines Gefühls. Er rügt es auch, dafs Mancher von Minnesinge, der sie niemals so empfand. Die schuldhafte Frau in dem einen Liede ist wohl ebenjene Wankelmüthige, von welcher er nur in Züchten schweigen, und nicht den Hafs derFrauen auf sich laden will, denen er so wenig schade, als ein Storch den Saaten. Er hatsich eine Geliebte erkoren, zu welcher seine Augen unverdeckt (wie ein Jagdfalke ohneKappe) sich darschwingen will, und welche er, wie eine Eule, auch in der Nacht schauetmit dem Herzen. Er klagt dann über die heimlieh geminnete Schöne mit der Falkcnbrust,dem kufslichen, rabinrothen Munde, den rosigen Wangen, neben welcher die Göttin Venus,lebte sie noch, verblichen wäre, die aber noch härter ist, als ein Donnerkeil; helfe sie ihmnicht, so fahre er einher, wie ein wildes Tliier (wohl zugleich wieder Anspielung auf seinenNamen Wolf-ram); sie möge jedoch seiner Trene gedenken. Im blumigen und laubigen Maisingt er mit den Waldsängcrn und der Nachtigall neue Lieder über Berg und Thal, und bittetdie Geliebte, deren Güte und Zorn ihn viel betrübt hat, um Lohn des langen, ihr bis zumTode geweihten Dienstes. Im Winter klagt er nicht um die schöne Jahrzeit, weil ihn nichtströsten kann, als die Geliebte, die aber männlichem Dienste nicht den gebührenden weibli-chen Lohn gewährt. Er fragt sie, wer ihm lohnen soll, wenn sie sterbe; und wenn er sterbe,wem er seine Noth vererben soll. Unter seinen Liedern überwiegen fast die Tageweisen oderWächterliedcr, welche heimlich beglückte Minne reizend besingen, deren Umarmung so festist, dafs auch drei Sonnen nicht zwischen sie zu leuchten vermöchten; eins derselben aberspricht seine ehrenfeste Gesinnung aus: seliger sei die Minne, welche weder Aufpafser nochWächter und Tageslicht fürchten darf — nämlich der geliebten Hausfrau.
Ohne Zweifel gehören ihm auch die beiden Tagclieder, welche seinen Titurel-Bruchstückenund Parcival beigeschrieben sind, und in aller Hinsicht zu den übrigen stimmen *. Das einebeginnt ganz in seiner kühnen Bildersprache mit dem Aufsteigen des Tages, der (wie derFalke) seine Klauen durch die Wolken geschlagen. In dem andern sind wieder zwei Herzenmit Einem Leibe, und die Umarmung beim Scheiden ist so lieblich, dafs ein Maler, der siegetreu abbildete, genug daran hätte; und, wie noch der schöne Spruch lautet: „weinendeAugen haben süfsen Mund."
In Betreff seiner Gesinnung über Staat und Kirche und deren damalige Verhältnisse findetsich bei Wolfram von Eschenbach kaum ein gerader Ausspruch. Er scheint stets, neben derallgemeinen Ritterpflicht, seinen nächsten Lehnspflichten treulich gefolgt, und mit der Kirche
* Alle seine Lieder stehen in der v. d. Hagensclien Minnesingersammlung.