Druckschrift 
1 (1836) Düsseldorf und das Rheinland : mit einem Anhange: Ausflug nach Paris
Entstehung
Seite
321
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

321

ERSTE BEILAGE.

Wenn ein junger Mann die Vorzeichnung einer nackten Figur gut copicren kann,so lafse man ihn den Versuch machen, Köpfe, Hände und Füfse lebcnsgrofs nachder Antike zu zeichnen, steigere sodann in dieser Richtung sein Nachahmungsvermö-gen bis zum Copieren antiker Figuren und Gruppen in Lebensgröfse, lafse ihn je-doch gleichzeitig mit dergleichen Übungen, oder wenigstens in unmittelbarer Folgeauf dieselben, ähnliche Bewegungen nach dem lebenden Modell zeichnen. Letzteresist in zwei Beziehungen schwerer: einmal, weil das lebende Modell nicht die Ruhedes Steins hat; zweitens, weil bei der guten Antike das Unwesentliche und Zufälligelebender Formen, z. B. ungehörig angeschwollene Adern, Fettklumpen u. dgl. m., wasdie normale Form unverständlich macht und das Auge verwirrt, wegfällt.

Die gute Antike ist ebendeshalb so aufserordentlich schön, weil sie die einfachsteund edelste Darstellung der Natur ist, wie sie sich in dem gegebenen Charakter undin der gewählten Situation gezeigt haben könnte. Hiebei drängt sich die Frage auf,weshalb, da die Antike offenbar Vorzüge vor dem Modelle hat, der Schüler nichtausschlicfslich dieselbe studieren solle? — Abgesehen davon, dafs sich wohl schwer-lich irgendwo eine Sammlung antiker Figuren, reich genug, um ein Vorbild für jedenTypus und Charakter zu liefern, finden möchte, so liefse sich in der Sache selbst aufjene Frage Folgendes antworten:

Regelmäfsigkeit und geniale Freiheit soll der echte Künstler in sich verbinden. Zujener erzieht das vollendete Musterbild, diese empfängt Anregung, Stoff und Kraftimmer nur aus dem Studium der Natur, und aus der unmittelbaren Berührung mit ihr.Die Antike giebt dem Künstler genug, dafs er einen festen Anhaltpunkt für die Ge-bilde seiner Phantasie habe; aber sie giebt ihm nicht so viel, dafs er seine volle In-dividualität in diese Gebilde legen könnte. Gerade das Charakteristische und Indivi-duelle verleiht einem Kunstwerke den höchsten Reiz, und nie kann dieser erreichtwerden, wenn die Produktion sich nur auf die Nachahmung bereits vorhandener Mu-sterformen beschränkt. Wohin das einseitige Studium der Antike führt, das zeigenuns die meisten modernen Französischen Bilder. Ich halte es deshalb für durchausnothwendig, den werdenden Künstler schon früh zu der zweiten Hauptquelle allerseiner Bildung, zu der Natur, hinzuführen.

Bei dem Studium der Gewänder ist meiner Überzeugung nach Folgendes an-zuempfehlen :

Der Lehrer drappiere anfänglich einen Gliedermann, wo möglich abwechselnd mitverschiedenen Stoffen, und lafse dem Schüler eine ausgeführte Zeichnung danach ma-chen. Hiebei mache er ihn auf das Gesetz der Faltenzüge aufmerksam, so wie aufdas, was jeden Stoff, als Stoff, insbesondere charakterisiert. Hat der Schüler dadurcheinen klaren Begriff von den Drappicrungen erlangt, so lafse der Lehrer ihn, um ihm