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Die Meerkönigin.
Märchen von Auguste Tenhaeff.
Dm Lande der Pommern lebte, vor jetzt schonvielen Jahren, auf einem alten Schlosse, naheder Ostsee, die Wittwe Gertrude von Hohen-stein. Andachtsübungen, Werke der Wohlchätig-keit und die Erziehung ihres zehnjährigen SohnesIvan füllten ihre Tage aus, welche ruhig undzufrieden dahin flössen. Die Liebe zu ihremKinde verschönerte ihr Leben und ließ sie ein ^frühes herbes Geschick vergessen. !
Welche Freuden die Zärtlichkeit und Sorg- !falt einer Mutter nur auszudenken vermögen,wurden dem kleinen Ivan zu Theil. Pferdchen, !Schafe, Tauben, Hühner, besaß er, aber eineFreude, die die Mehrzahl der Kinder täglich !genießen, konnte die treue Mutter ihm nicht 'bereiten. Kein Spielgefährte war für Ivan inder Umgegend aufzufinden, und daher kam es, Idaß er in seiner Einsamkeit ost seltsame Spieletrieb.
Oben in dem alten schlosse war einegroße Kammer, wo schon seit vielen hundertJahren die Rüstungen und Waffen der Vor-fahren Ivans aufbewahrt wurden, und darunterein Schwert mit einem Löwenkopf am Griffe,daß einst Heinrich der Löwe, dessen Verwandt-schaft sich die von Hohenstein rühmten, getragenhaben sollte.
Hier saß Ivan oft Stunden lang, betrach- ^tete die alten ^Waffen, stellte Schwerter undSpieße aufrecht an die Wand, setzte einenHelm auf den Griff, nahm dann selbst HerzogHeinrichs Schwert in die Hand und comman-dirte, als stehe er vor einem Regiment Sol-daten.
Dieses Spiel endigte damit, daß er einesTages mit einem Schlage sämmtliche Soldatenniederhieb, was ein solches Gepolter verursachte,daß seine Mntter voll Angst und Sorge heraufkam, meinend, ihrem Lieblinge sei ein Unglückbegegnet. Dieser schaute sie aber mit seinenkecken schwarzen Augen an und fragte: Mntter,kann ich nicht auch ein Herzog oder Königwerden? Dann will ich dieses Schwert mitmir nehmen und zeigen, wie tapfer ich bin. DieMutter lächelte: Das sind kindische Wünsche,sagte sie, an die du nicht mehr denken wirst,wenn du groß bist. Ivan glaubte das nicht.Als er wieder allein war, ging er unruhig hinund her und sprach zu sich selbst: das währtmir zu lange, bis ich groß bin, ich könnte jetztschon ein König werden, sie sollten sehen, daßich auch stark bin, wie ein Löwe. — Ach, hätteer nur einmal mit muntern Knaben, auf grünerWiese, fechten können, das Schwert HerzogsHeinrich in der Hand!
Oft am Abend entfloh Ivan den dumpfenMauern des alten Schlosses und lief am Ge-stade des Meeres umher, bis er sich müdeniedersetzte und dem Spiele der Wellen zusah.Dann glaubte er seltsame Gestalten zu erblicken,Knaben, welche ihm zuwinkten, Mädchen, dieihn tanzend umhüpften. Kehrte er dann beim,war er still und schweigsam, legte den Kopf inseiner Mntter Schooß und träumte fort von dentanzenden Mädchen und spielenden Knaben aufMeereswellen, bis diese ihn sanft in sein Bettelegte.
Eines Tages saß er wieder am Meeres-
Märrbcn und Sagen N.
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