Marienthal im Elsah.
in berühmter und vielbesuchter Wallfahrtsort im Elsaß ist Marien-thal, etwa eine Stunde vom Städtchen Hagenau entfernt. ImAnfange des 16. Jahrhunderts erfreute sich die Wallfahrt zu Marienthaleiner europäischen Berühmtheit.
Die alte Chronik des Ortes erzählt, daß schon in jenen fernen Zeitender Besuch und der Zulauf der Gläubigen etwas Wunderbares gewesen sei.Die gütige Jungfrau Maria, fügt sie hinzu, erwirkte allen Betrübten undSündern, welche ihren Beistand anriefen, Trost und Barmherzigkeit; es gabbald keinen Schmerz mehr, der nicht gelindert worden wäre, kein Unglück,dem nicht eine Hoffnung geleuchtet hätte. Alle, die Marienthal besuchten,gingen getröstet von dannen. Krüppel und Lahme ließen sich dahin führen,kehrten geheilt zurück und ließen ihre Krücken im Heiligthume zurück; Blindeerlangten daselbst ihr Augenlicht, Taube das Gehör wieder; Mütter er-wirkten die Genesung ihrer Kinder; junge Leute, die im Sturme der Leiden-schaften ihre Nnhe verloren, fanden den Seelenfrieden und die Hoffnungwieder; die Matrosen in den Gefahren des Meeres, die Soldaten im ver-heerenden Getümmel der Schlachten, christliche Frauen in den schmerzens-vollen Stunden, welche der Mutterschaft vorausgehen, rufen den Beistandunserer lieben Frau von Mariathal an, und nie geschah es vergebens; Alle,die sie anriefen, erfuhren die Wirkungen der Macht dieser Himmelsmutter,auf deren Fürsprache und Bitte der Heiland bei der Hochzeit zu Kana inGaliläa sein erstes Wunder wirkte.
Die Kirchenthüren blieben Tag und Nacht offen, damit die Pilger zujeder Zeit Zutritt hätten. Dieses Vertrauen führte mehrere Raubversucheherbei; allein Maria beschützte ihr Haus und ließ keinen Kirchenraub zurAusführung kommen. So geschah es unter Anderm, daß ein Dieb sich vorAnbrnch des Tages allein in der Kirche befand und einen prachtvollen Altar-schmuck gewahrte; schon streckte er die Hand aus, um sich desselben zu be-mächtigen, als ihn eine übernatürliche Kraft in dieser Stellung festhielt, bisLeute vom Kloster herbeikamen, welche ihn dem Gerichte in Hagenau über-lieferten.
In Folge von Rathschlüsfen, deren Tiefe der menschliche Geist nichtzu ergründen vermag, läßt Gott zuweilen den Irrthum obsiegen. Dies ge-schah im Anfang des 16. Jahrhunderts. Ganze Völkerschaften sagten sichim Taumel des wildesten Fanatismus von dem Glauben ihrer Väter los.Von zeitlichen Vortheilen, und nichts weniger als religiösen Beweggründengeleitet, verließen eine Menge Fürsten, hohe und mächtige Herren, und be-rühmte Familien den Schooß der Kirche und ergaben sich der Irrlehre.Man fiel über die der Gottesverehrung geweihten Gebäude her, um sie zu