Druckschrift 
2: 1887
Seite
307
Einzelbild herunterladen
 

— 305 —

gilt, an Tugend und Gottesfurcht war er zum Jüngling herangewachsen.Er war die Freude und Lust der Eltern und die glänzendsten Aussichtenboten sich ihm dar. Aber da ergriff ihn das Feuer der Liebe zu seinemgöttlichen Heiland, der um unsertwillen Alles, selbst das Leben hingab. Umihm nachzufolgen, verließ er Vater und Mutter, Vaterland und Haus undbegab sich, in ein ärmliches Pilgergewand gehüllt, durch England über dasMeer nach Frankreich. In der Gegend von Trier baute er sich in dichtemEichenwalde eine Zelle, um Gott als Klausner zu dienen. Oft ging ernach der Stadt Trier, um daselbst seine Andacht zu verrichten und die heil.Sakramente zu empfangen. Niemand wußte, wer er sei, woher er gekommen,aber Alle sahen die Glut seiner Andacht, bewunderten sein frommes Leben.Gern gab man ihm das Almosen, das er sich erbettelte, um seinen Hungerzu stillen. Eines Tages bat er mit aller Bescheidenheit auf dem Wege nachTrier einen Edelmann um ein kleines Almosen. Dieser aber schalt ihn ausund sagte zu ihm: „Du kannst mir die Schweine hüten, damit du nichtumsonst issest." In aller Demuth nahm Wendelin die Vorwürfe hin undwilligte ein, die Schweine des Edelmannes zu hüten. Da er mit aller Treueund Bescheidenheit seinem Amte als Schweinhirt vorstand, vertraute ihmendlich der Edelmann die Kuhheerde und zuletzt eine Heerde Schafe an, umwelche ihn Wendelin gebeten hatte, damit er, weil die Schafe ruhiger weiden,seinem Hange zum Gebete und zur Betrachtung besser nachkommen könne.

Tief in den Wald hinein, in einsame Thäler und Triften trieb Wen-delin seine Heerde, und während die Schafe ruhten oder ruhig dahinzogen,warf er sich zur Erde nieder und betete, oder er betrachtete die Liebe, Güteund Weisheit Gottes, die im kleinsten Grashalm sich zeigt. Die Stille desWaldes, das Dunkel der mächtigen Bäume, der Gesang der Vögel hob seinHerz zu Gott empor und öffnete seinen Mund zum Lobe und Preise desAllerhöchsten. Aber oft tauchte die Erinnerung an das elterliche Haus, anVater und Mutter in ihm auf. Der böse Feind spiegelte ihm die Trauerseiner Eltern und das schöne Leben, das er in der Welt genießen könnte,mit lebhaften Farben vor Augen. Allein Wendelin richtete seine Augen aufdas Kreuz, welches er sich im Walde aus Holz zusammengefügt hatte, be-trachtete die Noth und Verlassenheit des gekreuzigten Jesus, dachte an dieHerrlichkeit des Himmels, züchtigte seinen Körper und kämpfte so die Ver-suchung nieder, wofür er mit den süßesten Tröstungen belohnt wurde.

Zu diesen inneren Versuchungen kamen auch äußere Leiden. Denübrigen Dienstleuten des Edelmannes war die Frömmigkeit Wendelins, densie für einen hergelaufenen Menschen hielten, ein Dorn im Auge. Mehrnoch waren sie aufgebracht über das Wohlwollen, welches Wendelin vonSeiten des Edelmanns zu Theil wurde, da die Heerde unter seiner Leitungwunderbar gedieh. Sie verkleinerten ihn und stellten dem Herrn vor, daßWendelin nicht Acht aus die Heerde habe und oft zur Unzeit dieselbe aus-

20*