In der Klosterkirche hatte man für die Aufbewahrung des allerheiligstenSakramentes eine elfenbeinerne Büchse. Nun wünschten die Nonnen eineMonstranz machen zu lassen und auf ihre Bitten opferten die Leute, welchedie Klosterkirche besuchten, zu diesem Zwecke Gold- und Silbersachen, welcheals Weihegeschenke bei der Büchse aufbewahrt und zum Theil daran be-festigt wurden. Eines Nachts aber raubte ein Dieb diese Gold- und Silber-sachen und mit ihnen die Büchse, welche das Allerheiligste enthielt. Weilder Inhalt der Büchse ihm wahrscheinlich alsbald großen Schrecken einflößte,verbarg er sie in der Nähe des Klosters unter einem Dornbusche, wo sie14 Tage später, am Sonntage vor Martini des Jahres 1347 von Leuten, diefrühmorgens nach der Kirche gingen, in wunderbarer Weise gefunden wurde.Sie schwebte über der Erde, von drei Grashalmen getragen und von dreiLichtern umgeben. Der Fund wurde im Kloster gemeldet. Man eilte vondort herbei, wagte aber nicht, die Büchse anzufassen, sondern sandte nachOsnabrück und meldete das Geschehene dem dortigen Bischöfe. Dieser kammit dem Domkapitel hin, nahm die Büchse auf, öffnete sie und statt derheiligen Hostien befanden sich in derselben fünf Stücklein Fleisch und so vielBlut, daß sie beinahe überfloß. Die Stücklein Fleisch wurden nach langerBerathung der Geistlichkeit von einem frommen Priester genossen, woraufdieser am dritten Tage starb. Die Büchse mit dem Blute wurde in derKlosterkirche aufbewahrt und war seitdem ein Gegenstand der höchsten Ver-ehrung. Viele Pilger kamen herbei, dort ihre Andacht zu verrichten undViele spendeten dem Kloster reiche Gaben. Dies verdroß einige böse Leuteund sie beschlossen, das heilige Blut zu vernichten. Heimlich bemächtigtensie sich des Gefäßes, tauchten das Corporale hinein, um es seines kostbarenInhaltes zu berauben und versteckten das blutige Tuch in mehreren Stückenan verschiedenen Stellen des Altars. Aber an der innern Wand der Büchseblieben stets Blutflecken zurück. Da nahmen sie die Büchse und schabten siean der einen Seite so dünn, daß man hindurchsehen kann, wie durch Glas.Aber das Blut verschwand nicht. Da erkannten sie, daß es ihnen unmög-lich sei, dem Willen Gottes zu widerstehen und ließen davon ab.
Jene Büchse und das Leinentuch sind noch als ehrwürdige Reliquienvorhanden und befinden sich, freilich durch die Länge der Zeit halb verfärbtund verwittert in der großen Monstranz.
Rulle war früher ein weit berühmter und sehr besuchter Wallfahrtsort.Im Jahre 1630 waren bei der Prozession am 1. Mai an 10000 Menschen.Auch wird von vielen förmlich beglaubigten Wundern berichtet, welche dortsowohl durch die Fürbitte Marias als durch die Kraft des heiligen Blutesgeschehen sein sollen.
Wenn auch heutzutage die Wallfahrten nicht mehr so zahlreich sind wiefrüher, so strömen doch von Nah und Fern Viele noch hierhin, um ihre An-dacht zu befriedigen.