Rosenthal in der sächsischen Obevlausitz.
m Königreich Sachsen, in Mitten des Protestantismus, steht seitJahrhunderten der vielbesuchte Gnadenort Rosenthal. Dieser Wall-fahrtsort gehört unter das Patronat des in einiger Entfernung davon liegen-den uralten Jungsrauenklosters Maria-Stern vom Orden der Cisterzienser,welches der Bischof Bernard von Meissen 1264 gegründet hatte.
Der Ursprung des Wallfahrtsortes Rosenthal geht bis in die ZeitenKarls des Großen zurück. Bekanntlich sah sich dieser Kaiser gezwungen, mitdem Schwerte in der Hand in das Sachsenland einzudringen und die be-siegten Bewohner, welche der Abgötterei hartnäckig anhingen, unter das JochChristi zu beugen. Während dieses Kampfes, welcher 33 Jahre dauerte,geschah es, daß ein Feldherr des Kaisers ein Lager schlug an dem Orte, wojetzt das Pfarrdorf Ostra steht. Da sah man zur selben Zeit eine Matronevon königlicher Majestät um das Lager wandeln und, nachdem die Soldatenabgezogen waren, sah man dieselbe Matrone von himmlischer Schönheit oftdie Flur, wo das Lager gestanden, umgehen. Nun geschah es eines Tages,daß der Edelmann Luzian von Sernau an diesem Orte eine Jagd hielt undebenfalls die Matrone sah. Er wollte wissen, wer die Matrone sei, eilteihr nach, konnte sie aber nicht erreichen. Als er sie bis zu einem kleinenHügel oberhalb Rosenthal verfolgt hatte, bemerkte er eine Linde, wo dieMatrone seinen Augen entschwand, und als er seine Augen zur Linde erhobsah er an derselben eine Statue der seligsten Jungfrau. An dieser Lindehatte wahrscheinlich ein Soldat aus dem oben erwähnten Lager das heiligeBild befestigt.
Das Bild stellt die heilige Jungfrau mit dem Kindlein Jesus aus demlinken Arme vor; in der rechten Hand hält sie eine Birne; das Kindleinhalt mit beiden Händen einen Apfel; das Antlitz der hl. Jungfrau ist höchstanmuthig aber braun; sie ist mit einem purpurnen mit Lilien^ durchwebtenMantel bedeckt, unter welchem ein gelbliches mit Blumen durchwirktes Kleidihren Leib umhüllt. Die Statue ruht auf einem marmorartigen Gestellvon Holz.
Der Edelmann staunte über das an der Linde befindliche heil. Bild,ehrte es hoch und ließ über dasselbe eine Kapelle von Holz errichten. Daimmer mehr Andächtige kamen, um das Bild zu verehren, sah man sich ge-nöthigt, eine größere Kapelle aus Stein zu erbauen, und dies geschah 1537auf Kosten der Aebtissin des Klosters Maria-Stern, in dessen Besitzthum dieKapelle lag.