— 134 —
man es aus Vorsicht und Klugheit absichtlich nnd geflissentlich lange nichtglauben. Da wagte es denn, um die Sache und „das Gerede der Leute"ob so oder so, zu constatiren, den 22. September 1695 der KooperatorRudolph Maier von Tann, im Beisein des Brauers Mathias Maier unddes Glasermeisters Leonhard Brunhauser daselbst, dem Crucifixe den Bartmit einer Scheere kurz abzuschneiden. Aber siehe! Der Bart bekam nachund nach dieselbe Länge wieder (sind Worte der Gedenktafel in der Kirche),ohne daß menschliche Kunst und Zuthun möglich und denkbar war. DerMarktschreiber, ein gebildeter, solider und dabei gottesfürchtiger Mann, wieer war, hatte mit der gewissenhaftesten Aengstlichkeit das Bild selbst gehütet.
Der Ruf davon drang weit und breit. Hohe und Niedere wendetensich nach Tann. Die wunderwirkende Kraft des Gekreuzigten hatte sich all-wärts auf die Hilfesuchenden ergossen. Unter Andern kam mit großem Ge-pränge daher gefahren der hochedle Herr von Jmslanden, Guts- und Ge-richtsherr von Thurnstein bei Pfarrkirchen. Er litt seit mehreren Jahrenan gänzlich zusammen gezogenen Gliedern, konnte keine menschliche Hülfefinden, und wendete sich hieher, allwo er schon nach inbrünstigem Gebetesogleich freistehen und gehen konnte. Dieses allgemein Aufsehen erregendeWunder stand aber nicht vereinzelnd da; vielmehr vermehrte sich die Zahlderselben so sehr, daß sich der damalige Pfarrer von Tann und Zimmern,Or. Johann Bapt. Eggnrüller, veranlaßt fand, nähere Erkundigungen ein-zuziehen, und dem Decan Bericht zu erstatten. Dieser, der damalige PfarrerJohannes Beck von Zeilarn, bildete eine eigene Kommission, welche aus demBenefiziaten Franz Beck von Taubenbach, einem sehr gelehrten Theologen,unter Zuziehung des achtbaren und wohlhabenden Bierbrauers Johann Dunzund des ebenso angesehenen als geschätzten Weißbäckermeisters SebastianHaslinger, bestand, pflog in der Wohnung des Marktschreibers strengeUntersuchung und fand sofort „das Uebernatürliche des Bartwachsens wahrund richtig." Davon wurde das hochw. bischöfl. Ordinariat Salzburg inKenntniß gesetzt und nach vielen Vorbereitungen auf Befehl des Herrn Fürst-erzbischofes Johann Ernest von dort das Crucifix in feierlicher Prozessionden 3. Mai 1696 aus des Marktschreibers Wohnung in die Kirche auf denHochaltar gebracht und zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Damit wardvon Stunde an Tann zur Wallfahrt geworden. — Der vom päpstlichenStuhle allen Gläubigen, die nach reumüthiger Beicht und Kommunion hierihre Andacht nach vorgeschriebener Meinung verrichten, ertheilte Ablaß konntenicht verfehlen, Wallfahrer genug anzuziehen; ja der Andrang der Leute warso groß, daß auch den Metzgern erlaubt werden mußte, an frequenten An-dachtstagen Speise und Trank Verleit zu geben.
Die Geistlichkeit ließ es natürlich an sich auch nicht fehlen, die so ent-standene Wallfahrt im Aufschwünge zu erhalten, und so kam es, daß biszum Ausbruche des nächsten Krieges Tann mit Altötting förmlich um die