728 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
putisten beansprucht. 1 ) Und das hat auch eine gewisse Wahrscheinlichkeitfür sich. Man müßte dann annehmen, daß der 860/61 als einfacher Möncherscheinende Wichram 866 als Subdiakon, 872 als Diakon und 890 alsPropst erscheint und vor 895 die Presbyterwürde erhielt; allerdings sinddiese Zeiten ziemlich auseinandergezogen. Hartpert ist durch eine Urkundedes Jahres 866/67 nachweisbar und diese Zeit würde mit der des MönchesWichram gut stimmen. Allerdings kannte Braumüller nur den Anfangdes Werkes und weiß nichts von der in Kap. 20 erscheinenden Jahreszahlder Gegenwart. Da hier als Inkarnationsjahr 903 genannt wird, so würdenwir bei Wichram auf ein recht langes Leben schließen müssen. Aber derKomputus kann auch einige Jahrzehnte früher verfaßt sein und das JahrChristi 903 wurde von einem in chronologischen Dingen wenig achtsamenSchreiber des 11. Jahrhunderts einfach mit übernommen, statt daß dieserdas gegenwärtige Jahr der Indiktionenberechnung zugrunde legte, wie esbei den Abschriften von Helperics Komputus meist der Brauch war. Viel-leicht aber ist 903 überhaupt das Abfassungsjahr, das in den Abschriftennicht geändert wurde.
Wichram verfaßte also einen Komputus, ein kurzes Lehrbuch der christ-lichen Zeitrechnung, und hielt sich dabei natürlich eng an Beda, dessenWerke De temporibus und De temporum ratione er ausschreibt, wozu ervielleicht Bedas Schrift De computo benutzt, in der ja der reiche Stoff ineinen kurzen Auszug gebracht ist. Da nun Wichram selbst sich meistgroßer Kürze befleißigt und die katechetische Form gewählt hat, so istdie Meinung berechtigt, daß er sein Werkchen als Unterlage für den Schul-unterricht bestimmt hat; er ist daher vielleicht selbst Lehrer gewesen.Weiteres über Entstehung und Zweck der Schrift ist nicht bekannt, dakein Vorwort überliefert wird. Sie beschäftigt sich zuerst mit der Ent-stehung der Monate bei den Römern, über ihre Zahl, ihre Länge und Be-deutung ihrer Namen. Dann handelt sie über Kaienden, Nonen und Idenund über die Hinzufügung von Januar und Februar und die Verlängerungdes Januar, über Cäsars Kalenderverbesserung und den Schalttag sowieüber die Einrichtung des cäsarischen Jahres. Die Schrift wendet sich dannzur Bestimmung der Feriae, der Konkurrenten, Lunaren und Epakten undschließt hieran die Bestimmung der Indiktionen. Nach Erörterung des Jahres-begriffs wird über Sonnen- und Mondjahr und den neunzehnjährigen Zyklusgehandelt sowie Schaltjahr und Schalttage bestimmt. Die nächsten Ab-schnitte beschäftigen sich mit dem Laufe des Mondes und seiner Bedeutungfür die Chronologie und nachdem kurz über Solstitien und Äquinoktiengesprochen ist, wendet sich die Darstellung in ihrem letzten Teile der Be-stimmung des Osterfestes zu, die für die christliche Chronologie die Haupt-sache war. Mit der Berechnung der Wochen von Pfingsten bis Weihnachtenund von Weihnachten bis zur Quadragesima schließt die in fünfundvierzigAbschnitte zerfallende Schrift. Einzelne Abschnitte hat Wichram mit ver-hältnismäßiger Ausführlichkeit gegeben, aus denen hervorgeht, welchenWert diese alte Zeit auf klare Darstellung der umständlichen Berechnung
') Studien und Mitteil. a. d. Benediktiner- und Cisterz.-Orden 4, 2,367.